Medien : Riefenstahl und Rechtsrock

Die Videoplattform Youtube bekommt rechte Propaganda nicht in den Griff

Kurt Sagatz

Der Film steht nicht auf dem Index, gleichwohl kann man ihn in Deutschland nicht kaufen, denn in dem NSDAP-Propagandastreifen „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl über den Reichsparteitag von 1934 werden zu viele Hakenkreuze gezeigt. Zu sehen ist er dennoch – über die seit gut zwei Wochen aktive deutsche Homepage von Youtube. Das beliebte Videoportal, das seit gut einem Jahr zum Imperium von Google gehört, gerät durch Funde wie diesen immer wieder in die Schlagzeilen. Dabei hatte Youtube gerade erst den Nazi-Streifen „Jud Süß“ von Veit Harlan nach massiven Protesten unter anderem vom Zentralrat der Juden in Deutschland entfernt.

Die Rechtslage ist mit dem Telemediengesetz eindeutig geregelt und wird von Youtube nicht infrage gestellt. Rechtsextremistische Propaganda, die Verherrlichung der NS-Ideologie, die Leugnung des Holocausts oder Aufrufe zu Gewalt sind in Deutschland verboten. Für das Internet greift das Verbot, wenn sich das Angebot zum Beispiel über die Sprache gezielt an deutsche Nutzer richtet, auch wenn der Server im Ausland liegt. „Über 99 Prozent der Nutzer verstehen genau, wofür Youtube steht und wissen, dass rechte Propaganda unserem Selbstverständnis widerspricht“, sagt Stefan Keuchel, der in Deutschland die Pressearbeit sowohl für Google als auch für Youtube macht. Aber: In jeder Minute werden Videos mit einer Gesamtlänge von sieben Stunden neu veröffentlicht. Videos mit verbotenen Inhalten könnten darum auch nicht direkt gelöscht werden, sagt Keuchel. Vielmehr setze Youtube auf sein Community-Konzept. Die Nutzer melden kritische Videos. Ein Team von Youtube-Mitarbeitern kontrolliert die Meldungen im 24-Stunden-Dauerbetrieb, in Europa auch Videos in deutscher Sprache. Widerspricht ein Video den Regeln oder Gesetzen, fliegt es von der Seite.

Doch das Verfahren arbeitet lückenhaft. Rechtsrock-Gruppen wie „Division Germania“ glorifizieren auf Youtube nach wie vor den Zweiten Weltkrieg oder singen wie „Nordfront“ über „Autonome, Zecken und rote Ratten“. Hinzu kommen die Hasstiraden von Gruppen wie „Hauptkampflinie“, „Sturmwehr“ oder „Noie Werte“. Bei den Videos zur Band „Landser“ ist besonders problematisch, dass die Band vor zwei Jahren als erste Musikgruppe zur kriminellen Vereinigung erklärt worden war.

Die Kritik daran blieb nicht ohne Wirkung. So arbeitet Youtube unter anderem mit Jugendschutz.net zusammen. „Zu Youtube besteht ein funktionierender Arbeitskontakt, der zur Sperrung zahlreicher unzulässiger Videos geführt hat“, sagte Thomas Günter, der Justitiar der länderübergreifenden Einrichtung, dem Tagesspiegel. „Dennoch sind weitere Anstrengungen wünschenswert, um solchen Inhalten bei Youtube dauerhaft und umfassend die Plattform zu entziehen. Dies könnte beispielsweise der Einsatz intelligenter technischer Schutzmaßnahmen sein“, fordert Günter. Den von ihm angeregten Filter, mit dem verhindert wird, dass einmal gelöschte Videos einfach ein zweites Mal hochgeladen werden, gibt es bei Youtube inzwischen auch.

Auch beim Youtube-Konkurrenten My Video ist eine solche Technik im Einsatz. 9000 neue Videos gelangen jeden Tag auf diese Plattform. Dabei gelingt es der My- Video-Community insgesamt besser, die Seiten vor braunen Schmutz zu schützen. Wer in die Suchmaske die gleichen inkriminierten Begriffe eingibt wie bei Youtube, wird sehr viel seltener fündig. Anders als Youtube setzt My Video nämlich auch auf Handarbeit und überprüft anhand der Beschreibungen, welche Videos genauer untersucht werden sollten.

Wie sonst sollte man feststellen, ob es sich bei einem Video über eine Hitler-Rede im Sportpalast, um Propaganda oder um eine Analyse zur Demagogie handelt? Oder gar eine ironische Auseinandersetzung mit der Person Adolf Hitlers. Jenseits der eher akademischen Debatte, ob man über Hitler und das „Dritte Reich“ lachen darf, existieren auf Youtube zahlreiche Videos, die sich mit den Mitteln des Humors dem Thema widmen – wie zum Beispiel Gerhard Polt, der zu Bildern einer Hitler-Rede einen aberwitzigen Text über einen Leasingvertrag inszenierte (fast eine halbe Million Aufrufe). Auch Harald Schmidts Auseinandersetzung mit dem Film „Der Untergang“ bringt es auf bemerkenswerte 125 000 Aufrufe. So wie im Fernsehen kaum ein Tag ohne Dokumentation zum Nationalsozialismus vergeht, ist diese Thematik auch im Internet ein Quotengarant mit exorbitanten Zugriffszahlen – der „Triumph des Willens“ wäre freilich größer, wenn man dabei auf Rechtsrock und diesen Riefenstahl-Film verzichten würde.

www.jugendschutz.net

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