Medien : Riesenkrampf

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Barbara Sichtermann ist fassungslos über Margarethe Schreinemakers

Natürlich ist Margarethe Schreinemakers eine Kunstfigur. Das sind sie alle, unsere TVBeichtväter und -mütter, von Kallwass bis Beckmann, selbst Maischberger. „Echt“ im Sinne von persönlich ist kaum was an ihnen, wenn sie ihre Shows durchziehen. Nicht einmal Kerner, käme er als Gast zu Kerner, wäre bei sich selbst.

Das muss auch nicht sein. Niemand kann so viel Empathie für so viele Gäste empfinden – nicht mal heucheln. Nur spielen. Ob dieses Spiel gelingt, und mit welchen Mitteln es dargeboten wird das ist die Qualitätsfrage bei den Talkmastern/innen. Bei Schreinemakers ist die Antwort einfach. Sie menschelt drauflos. Sie badet in Schicksalen. Sie bringt den human touch als Prankenhieb. Sie weckt Ängste – hört mal, Leute, es gibt Krankheiten, von denen habt ihr noch nichts gewusst, und doch sind sie unter uns … Sie schenkt Trost – auch dicke Frauen finden einen Mann. Sie spendet Lob – an späte Väter und junge Behinderte. Ihre Sprache ist schlicht, unverblümt und laut; ihre Message: Das wird schon wieder; ihre emotionale Farbe: der ganze Regenbogen von quietschvergnügt („find ich toll“, „find ich super“) bis tief erschüttert („Ich bin fassungslos“).

All das ist Boulevard, wie man ihn kennt, buntscheckig, beliebig, heftig, deftig, präsentiert von einer Frau, die nunmehr zum Erfolg verdonnert ist und sich deshalb prophylaktisch eine Mimik zugelegt hat, die wohl den bösen Geist des Quotenknicks vertreiben soll: Augen zu, Nase kraus und die Mundwinkel bis an die Ohren gezogen – so strahlt sie, mit vier blitzenden Zahnreihen drohend.

Das Ganze ist ein Riesenkrampf. Schreinemakers spielt nicht, sie chargiert mit äußerster Anstrengung. Schon vom Zuschauen kriegt man einen steifen Hals. Warum sie beim MDR geglaubt haben, diese Kunstfigur mit der Stimme einer gesprungenen Glocke könne auf der Nachmittagsschiene irgendwie Boden gut machen, bleibt unverständlich. Aber es gibt vielleicht eine Seelenverwandtschaft zwischen der Entertainerin und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen: den Krampf. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Altsender überall da punkten, wo Absicht und Können das Wichtigste sind: bei Nachrichten, Dokus und Krimi-Routine. Wo es, wie in der Unterhaltung, darauf ankommt, Neues zu wagen und Dinge entstehen zu lassen, fallen sie zurück. Sie wollen so gern. Aber es hilft nichts, man braucht Mut. Schreinemakers ist schrill, doch festgelegt. Ihre Schicksale aus den Tiefen der Gesellschaft gehören in den Abend. Zur Mittagszeit versenden sich Traumata und Alpträume, Schlaganfälle und Findelkinder, ja selbst das Glück des Stillens wie nix. Alles wird banal, flach und schäbig, und wenn die Moderatorin noch so barmt oder jubelt. So zeigt das: Den Abend traut man ihr nicht mehr zu, für den Tag aber ist sie nicht gemacht.

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