Medien : Riesters Rente statt Schröders Haar

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Von Joachim Huber

Der Befund ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der Wahlkampf zu den Bundestagswahlen am 22. September gilt als „amerikanisiert“, (ziemlich) entpolitisiert und (stark) personalisiert. Die Wahl der Parteien hat gewechselt zur Kür von Köpfen, der Wahlkampf ist zum Wettkampf verkommen, die Print- und Fernsehduelle zwischen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinem Unions- Herausforderer Edmund Stoiber sind nur die sichtbare Spitze des Eisberges. Zweifel sind angebracht. Der Kommunikationswissenschaftler Fred Brettschneider setzt in einem Beitrag für die aktuellen „Media Perspektiven“ notwendige Fragezeichen, indem er fragt, ob das Massenmedium schlechthin, das Fernsehen, auf diese „amerikanische“ Weise berichtet. Brettschneider vergleicht zweierlei: erstens die Berichterstattung über den Republikaner George W. Bush und den Demokraten Al Gore in den Hauptnachrichten der US-Sender ABC, CBS und NBC während des Wahlkampfes 2000, zweitens die Aussagen über Gerhard Schröder, Edmund Stoiber und CDU- Chefin Angela Merkel in den Nachrichten von ARD/ZDF sowie der privaten Stationen RTL, Sat 1 und Pro 7 im Zeitraum 2000 bis 2002.

„Media discuss the qualifications of presidential candidates more amply than … issues“, stellt die amerikanische Medienwissenschaftlerin Doris A. Graber fest. Die Konzentration auf Kandidaten geht parallel mit dem „Horserace“-Fokus: Wer liegt vorn, wer liegt hinten, holt auf, fällt zurück? Mehr als die Hälfte der Aussagen in den US-Fernsehnachrichten konzentriert sich auf diese beiden Aspekte: „40 Prozent befassten sich mit dem Auftreten der beiden Politiker, zwölf Prozent aller Aussagen bezogen sich auf Wahlprognosen und Ergebnisse aus Meinungsumfragen“ (siehe Grafik). Die Sachthemen wurden in der Berichterstattung der (kommerziellen) US-Networks vernachlässigt. Weniger als ein Drittel aller Aussagen beschäftigte sich mit den politischen Positionen und Programmen der Kandidaten.

Allerdings sind persönliche Merkmale - etwa das äußere Erscheinungsbild oder die familiären Hintergründe – weniger stark beachtet worden als noch bei den beiden vorangegangenen Präsidentschaftswahlen: Bill Clintons Lebenswandel war für Personality- Stories eindeutig dankbarer als für die Lebensläufe von Bush und Gore.

Vergleicht man die US-Networks mit den deutschen Fernsehsendern, kommen RTL, Sat 1 und Pro 7 in deren Nähe. Die kommerziellen Stationen berichten seltener über Sachpositionen und häufiger über Eigenschaften von Schröder, Stoiber und Merkel: das Auftreten dieser Politiker, ihre Führungsstärke und ihr Rückhalt in der eigenen Partei, über Wahlprognosen und über Persönliches. Über politische Standpunkte erfahren die Zuschauer wesentlich mehr in den Nachrichten von ARD und ZDF. Da führt die „Tagesschau“ vor „heute“, „Tagesthemen“, „heute-journal“ und „RTL aktuell“.

Nicht weiter überraschend, dass in der Kategorie „Auftreten“ die Nachrichten der Privatsender vorne liegen; trotzdem wäre es falsch, „RTL aktuell“ oder „18:30“ (Sat 1) in die Personality-Ecke abzudrängen. Das „Auftreten“ eines Politikers wird relativ selten in Bild und Ton gesetzt, „Persönliches“ wie Aussehen (Schröders Haarfarbe!) oder Lebensführung noch viel seltener. Bedeutend wichtiger sind den Nachrichtenleuten Informationen zur „Leadership“, zu Führungsqualitäten der Politiker.

Brettschneider räumt ein, dass sich in der „heißen“ Wahlkampfphase die Gewichte in der Berichterstattung verschieben werden – weg von der Sache und hin zur Person. Dabei wird gerne übersehen, dass viele Wähler als Fernsehzuschauer zwar nicht an komplizierten Wahlprogrammen interessiert sind, sehr wohl aber Informationen über Positionen der Parteien und ihrer Kandidaten erwarten. Für Wahlbeteiligung und Wahlentscheidung ist dies ein wesentlicher Aspekt, schließlich ist gerade für Menschen mit niedriger formaler Bildung und geringem politischen Interesse das Fernsehen oft der einzige Berührungspunkt mit dem politischen Geschehen.

Wenn die TV-Nachrichten Beleidigungen und Polemiken von Politikern transportieren, nutzt das vorderhand weder dem Medium noch den Politikern. Laut Brettschneider stützen jüngste Ergebnisse der Medienforschung diese Annahme. So hat Forsa die Reaktionen der Zuschauer auf den Auftritt von Edmund Stoiber in der Talkshow von Sabine Christiansen am 20. Januar ermittelt. Während die Medien noch Tage danach den Versprechern von Stoiber breiten Raum gaben, waren für die Zuschauer vor allem die Sachaussagen von Bedeutung. „Das Rating Stoibers stieg an, wenn er seine Sachkompetenz betonte und Sachkritik an der Wirtschafts- und Fiskalpolitik der SPD übte“, schreibt Brettschneider. Umgekehrt sank die Zustimmung, sobald der Kanzlerkandidat polemisch wirkende und persönliche Kritik an der rot-grünen Bundesregierung übte.

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