"RINGZEH" UND "BRÖTCHENWATTE" : Zehes Ringen

Das 3sat-Publikum schenkt der deutschen Sprache 70 neue Wörter.

Thomas Gehringer

Als ich kürzlich traumsuhlend die Brötchenwatte verzehrte und dabei am offenen Fenster die Regenwürze genoss, erreichte mich ein mobiler Zufall und ein frühfroher Ohallodu nervte mich irgendwarum mit einem langen Vortrag über Zungenlieger. Der Mensch ist ein echter Lidsenker, kann ich Ihnen sagen, aber der Glückssog seiner Idiomanie machte mich doch neugierig.

Der Leser wird sich zu Recht fragen, was der Unfug soll. Wer mitgezählt hat, fand im ersten Absatz elf Wörter, die nicht im Duden stehen. Es sind Neuschöpfungen von Teilnehmern eines Sprach-Wettbewerbs des Fernsehsenders 3sat und des Buchverlags dtv. Eine Teilnehmerin hat konsequenterweise für die Unart, ständig neue Wörter zu erfinden, ein neues Wort erfunden: „Idiomanie“. Manche Kreationen sind leicht verständlich: „Frühfroh“ ist jemand, der bereits frühmorgens guter Laune ist. Wer „traumsuhlt“, hängt nach dem Aufwachen seinem Traum nach. Einfallsreich beschrieben ist der Schwätzer, der mit seinen Geschichten langweilt, als ein „Lidsenker“. Aber wer ist ein „Ohallodu“? Richtig gelesen wird daraus sehr einleuchtend eine Person, deren Namen man vergessen hat.

Bei dem Wettbewerb handelt es sich um einen spielerischen Spaß. „Ungenannte, aber doch bekannte Phänomene, Dinge und Gefühle“ sollen endlich einen Namen bekommen. 3sat knobelte eine Vorschlagsliste von 40 Phänomenen aus, benannte eine zehnköpfige Jury und startete den Wettbewerb „Uns fehlen die Worte“ gemeinsam mit dtv während der Frankfurter Buchmesse 2008. 1003 Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche beteiligten sich – und begeisterten Jury und Redaktion derart, dass aus den geplanten 40 nun 70 Gewinnerwörter geworden sind, darunter etliche Vorschläge zu gar nicht abgefragten Phänomenen. Etwa der Begriff „Zungenlieger“, eingesandt von der zwölfjährigen Elena Gilles, für etwas, das einem auf der Zunge liegt.

Am liebsten beschäftigten sich die Teilnehmer mit der Frage, wie man das weiche Innere eines Brötchens bezeichnen könnte – wahrscheinlich weil es jeden Tag so lecker schmeckt. 279 Vorschläge trafen ein, doch nur einer setzte sich durch: „Brötchenwatte“, ausgewählt vom deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der den Praxistest in einer Bäckerei unternahm. Die Verkäuferin wusste sofort, was gemeint war. Für das Problem eines „unbeabsichtigten Anrufs, zum Beispiel durch Sitzen auf dem Handy“, wurden dagegen gleich sechs Vorschläge gekürt, neben dem bereits erwähnten „mobilen Zufall“ auch „Fehlfon“, „Versehruf“, „Sitzschaltung“, „Dunkelwahl“ und „Taschenruf“.

Die Juroren, darunter auch der Linguist Peter Eisenmann und der Psychologe Ernst Pöppel, urteilten recht unterschiedlich. Kolumnist und Autor Axel Hacke legte Wert auf klare Verständlichkeit, also wählte er für den zweiten und den vierten Zeh die Bezeichnungen „Zeigezeh“ und „Ringzeh“ aus. Dann wunderte er sich, wieso man irgendwann und irgendwo sagen darf, aber aus irgendeinem Grund nicht „irgendwarum“. Bei Google fand er 860 Nennungen. Das Wort existiert also bereits.

Der syrisch-deutsche Dichter Rafik Schami mochte es lieber sinnlich-metaphorisch. Er wählte etwa die „Regenwürze“ aus, für den Geruch, den der Regen hervorbringt, nachdem es lange Zeit warm und trocken war. Auch den „Glückssog“ befürwortet Schami als Ausdruck für das, was von einer Sache ausgeht, der man Interesse entgegenbringt.

Aber fehlen uns die Worte wirklich? „Wir gehen nicht davon aus, dass alle Worte in den Sprachgebrauch übergehen“, erklärt 3sat-Redakteurin Anja Fix. Sie weiß natürlich, dass daran schon ganz andere gescheitert sind. Die ehrwürdige Duden-Redaktion suchte mal vor zehn Jahren über einen Wettbewerb das Gegenteilwort für durstig. Doch das – analog zu „satt“ – gekürte „sitt“ löste sich in Luft auf, bevor es den Sprachraum überhaupt erreichte. Vielleicht war es einfach zu dünn.

3sat und dtv verzichteten auf die Suche nach einem „sitt“-Ersatz, aber auch den anderen Wörtern wird es wohl ganz ähnlich ergehen, obwohl die ungewöhnliche Liaison von Fernsehen und Buchverlag zur Pflege der Spielwiese Sprache ja ganz sympathisch ist. Und auf dieser Wiese wäre schon noch Platz für manch hübsche Blume wie „balzwund“, „Geruchstaub“ und „Zeitweh“ – neue Wörter, die alle bei näherer Betrachtung keiner weiteren Erläuterung bedürfen.

Die komplette Liste wird am morgigen Dienstag online veröffentlicht (www.3sat.de). Am selben Tag widmet die „Kulturzeit“ um 19 Uhr 15 dem Wettbewerb einen Schwerpunkt. Und im November erscheint bei dtv das Buch „Uns fehlen die Worte“.

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