Medien : RITTERLICHE MÄZENE

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Freilich könnten sie sich noch mehr Autos, Häuser und ein Flugzeug kaufen von all den Milliarden, die sie mit ihren Bank- und Immobiliengeschäften gemacht haben. Lieber aber stecken Herbert und Marion Sandler ihr Geld in etwas, das ihnen von viel größerem Wert erscheint: in den Journalismus.

Zehn Millionen US-Dollar spendet das amerikanische Ehepaar jährlich der Stiftung ProPublica, die 2007 mit ihrer Hilfe gegründet wurde und sich dem investigativen Journalismus verschrieben hat. „Den Reportern von heute fehlt es an Zeit und an Mitteln“, heißt es auf der Homepage von ProPublica. „Immer mehr Nachrichtenorganisationen sehen diese Art von Arbeit als Luxus an. Deshalb müssen wir neue Wege finden, um die wichtige Arbeit des Journalismus im Dienst der Öffentlichkeit zu betreiben, die ein zentraler Bestandteil unserer Demokratie ist.“ Mäzenaten als Finanziers von Journalismus? Das Modell der Zukunft?

Viele Zeitungen haben noch ein funktionierendes Geschäftsmodell, sie finanzieren sich durch Anzeigen und Vertrieb. Doch dass Unternehmen ihre Werbebudgets anders verteilen und sich das Leseverhalten verändert, setzt die Presse unter Druck. Deshalb will nun auch die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen den Journalismus mit einer Stiftung unterstützen. „Partizipation und Vielfalt“ soll diese heißen. Die Politik dürfe die Medienschaffenden „wegen ihrer großen Relevanz für unser demokratisches Gemeinwesen“ nicht alleinlassen mit den Herausforderungen des digitalen Umbruchs, begründet die für Medien zuständige Ministerin Angelica Schwall-Düren die Idee. Einen einstelligen Millionenbetrag will die Regierung für das Projekt geben, das 2014 starten soll. Doch sowohl bei der Opposition als auch in der Branche stößt die Idee auf wenig Begeisterung, denn im Gegensatz zu Initiativen wie ProPublica wird die Stiftung „Partizipation und Vielfalt“ nicht mit privaten, sondern mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Die Stiftung sei ein „Angriff auf die Unabhängigkeit der Presse“, kritisierte der Medienbeauftragte der CDU-Landtagsfraktion, Thorsten Schick, in dieser Woche und betonte: „Wir brauchen keinen Staatsjournalismus in NRW.“ Dass sich die Opposition empört, verwundert nicht. Wohl aber der laute Ton. Schließlich musste erst gerade der bayerische CSU-Sprecher gehen, weil er per Anruf in der Redaktion des ZDFs offenbar versucht hatte, einen Bericht über die SPD zu verhindern. Doch auch den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) begeistert die Idee aus NRW nicht. „Bei einem durch die Politik geförderten Journalismus wird es immer einen Verdacht auf Wohlverhalten geben, auf beiden Seiten. Am Ende würde Qualitätsjournalismus nicht gefördert, sondern geschädigt“, sagt BDZV-Sprecherin Anja Pasquay. Es sei kaum vorstellbar, dass eine solche Stiftung Recherchen zum Haushalt der Landesregierung oder zu Reisen von Ministern und Abgeordneten fördere. Marc Jan Eumann, nordrhein-westfälischer Staatssekretär und Medienpolitiker widerspricht: „Natürlich muss ausgeschlossen werden, dass es keinen Einfluss auf die Recherche gibt. Kein Thema wird aus politischen Gründen ausgeschlossen sein“, versichert er.

Schon ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt allerdings, dass politisch geförderte Zeitungen nicht die freiesten sind. Mit etwa 900 Millionen Euro subventioniert der Staat jährlich seine Presse, auch große Blätter wie „Le Monde“ oder „Le Figaro“. Immer wieder wurden Fälle publik, wo Politiker versuchten, direkt oder indirekt Einfluss auf deren Berichterstattung zu nehmen – und wer am Tropf hängt, kann sich schwer wehren.

Sicher bedeutet private Förderung nicht automatisch Freiheit. Allein die Tatsache, dass es einer Förderung bedarf, um etwas zu ermöglichen, bedeutet Abhängigkeit. Die Frage ist deshalb, wie dieses Abhängigkeitsverhältnis gestaltet wird. Bei ProPublica geben die Sandlers lediglich ihr Geld, thematisch arbeiten die 34 Journalisten völlig frei. Mit Erfolg. Zwei Pulitzerpreise haben sie bereits gewonnen. Sonja Pohlmann

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