ROCK-TV : Laut und Lou

Neil Young, Stones, The Monks: 3sat füllt das Wochenende mit „Keep on Rocking“-Filmen.

Joachim Huber

Es war einmal … laut? Unsinn, die Rock-Musik lebt und bebt und mit ihr leben und beben die Alt-Rocker. 3sat widmet jenen „young at heart“ ein ganzes Wochenende. Fünf Dokumentationen, darunter vier Erstausstrahlungen, bringen die Vergangenheit in die Gegenwart. Die Musikfilmreihe „Keep on rocking“ startet am heutigen Freitag mit dem Film „Crosby, Stills, Nash & Young – Déjà vu“ aus dem Jahr 2007. „Déjà vu“ meint: Wie schon vor fast 40 Jahren, als die „Rock-Supergroup“ politisch gegen den Vietnamkrieg Stellung bezieht, touren Crosby, Stills, Nash und Young durch ein Amerika, das der Irakkrieg spaltet. Die Dokumentation ist ein Amalgam aus der „Freedom of Speech“-Tour, Pro- und Contra-Stimmen zur politischen Botschaft und auf jeden Fall ist sie eine so nostalgische, trotzige Ode an ein besseres Amerika.

Der Titel des Films, „Déjà vu“, meint deshalb nicht nur das gleichnamige erste Album von CSNY, sondern verweist auch auf die Wiederkehr des Protestsongs. Viele Aufnahmen stammen von Mike Cerre, einem hochdekorierten ehemaligen Offizier. Er war als „eingebetteter“ Journalist im Irak unterwegs und wurde für seine Arbeit mit dem Emmy ausgezeichnet. „Er weiß wirklich, wovon wir reden“, sagt Neil Young. „Er war dort, wir nicht, deshalb war uns seine Meinung über das, was wir machen, sehr wichtig.“

3sat setzt die Reihe im Anschluss daran mit der Erstausstrahlung von Jim Jarmuschs „Year of the Horse“ (1997) fort. Jarmuschs Werk ist ein Konzertfilm über Neil Young und dessen Band Crazy Horse, gedreht während der 96er-Tour durch Amerika und Europa. Er stellt das Wesentliche in den Mittelpunkt: die Musik. Wer Ohren hat zu hören, der kann im verzerrten Sound von Crazy Horse das Vorbild erkennen, das sich spätere Grunge-Bands nehmen. Jarmusch ergänzt seine grobkörnigen, oft in Super 8 gedrehten Bilder durch Aufnahmen aus 30 Jahren Bandgeschichte. Das waren wildere Zeiten, da steckten die US-Rocker schon mal ein Hotel in Glasgow in Brand. „Year of the Horse“ ist vielleicht der beste Film in der Reihe, Jarmusch gelingt es glänzend, die Musik von Crazy Horse in eine adäquate Bildsprache zu übersetzen.

Als Höhepunkt der Reihe versteht sich jedoch Martin Scorseses „Shine a Light“ (2008), terminiert auf Samstag um 20 Uhr 15. Der Regisseur dokumentiert zwei Konzerte der Rolling Stones im Herbst 2006 und zeigt, mit welcher Energie und Präsenz die Stones live ihr Publikum beeindrucken können. Wie keine zweite Band verbinden sie Generationen von Fans. Einen Beleg liefern Gaststars à la Christina Aguilera, Jack White und die BluesLegende Buddy Guy. Die intimen Konzertmomente im Beacon Theatre in New York beim Geburtstagskonzert für den US-Präsidenten Bill Clinton präsentiert Scorsese als audiovisuelles Fest. Tolles, auf Gedenkmarmor poliertes Musik-Kino, doch im Vergleich zu dem Ton-Steine-Scherben-Film des Jim Jarmusch eine – in Momenten sterile – 117-Minuten-Sache. Stones-Fans werden es anders sehen.

Es folgt „Lou Reed’s Berlin“ (2008). Die Rockoper ist heute ein Klassiker, doch als das Album über ein Junkie-Liebespaar 1973 erschien, war sie ein kommerzielles Desaster. Lou Reed führte deshalb die Stücke nie auf, bis zum Dezember 2006. Regisseur Julian Schnabel übersetzt die Konzertabende, die changierenden Stimmungen in lyrische Collagen. Hier wie auch bei den eingestreuten, experimentellen Kurzfilme von Schnabels Tochter Lola, bietet sich der Verzehr (legaler!) Drogen an. Die französische Schauspielerin Emmanuelle Seigner tritt in den Zwischenstücken als Protagonistin Caroline auf. Seigner, Ehefrau des in der Schweiz einsitzenden Regisseurs Roman Polanski, hat gerade mit Bela B., Sänger/Schlagzeuger der „Ärzte“, auf dessen neuem, zweitem Solowerk „Code B“ das Stück „Liebe und Benzin“ eingespielt. Erinnert stark an Leonard Cohen.

Der Schlussakkord zu „Keep on rocking“ bietet eine wahre Überraschung, die Dokumentation „Monks – The Transatlantic Feedback“. Das ist ein Kapitel bundesrepublikanischer Musikgeschichte, geschrieben von fünf amerikanischen Ex-GIs. Die hatten während ihrer Militärzeit in good old Germany eine Beat-Combo gegründet, zusammen mit den beiden Künstlern und Werbeprofis Karl-Heinz Remy und Walther Niemann als Managern entwarfen sie ein Band-Konzept, das mit dem gängigen Beat-Bild brechen sollte. Die „Monks“ trugen Tonsuren statt Pilzköpfe, sie schlugen in die Saiten gegen den Vietnamkrieg, sie waren das radikale Gegenmodell zu „Yeah, yeah, yeah“. Aus den persönlichen Erinnerungen der Musiker, umfassendem Archivmaterial und dem ersten Auftritt in den USA, 30 Jahre später, haben Dietmar Post und Lucia Palacios ihren Film kompiliert. Deutsch-amerikanischer Kulturaustausch, Zeit- und Popgeschichte übern Atlantik.

It might get loud.

„Crosby, Stills, Nash & Young – Déjà vu“, heute, 22 Uhr 25; „Year of the Horse“, heute, 0 Uhr; „Shine a Light“, Samstag, 20 Uhr 15; „Lou Reed’s Berlin“, Samstag, 22 Uhr 10; „Monks – The Transatlantic Feeling“, Sonntag, 21 Uhr 45, alles bei 3sat

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