Medien : Rock’n’Roll-Abschied

Der letzte „Polizeiruf 110“ vom WDR ist sehr wahrscheinlich zugleich der letzte Film mit Inge Meysel

Harald Martenstein

Als Götz George seinen, wie man damals dachte, letzten „Schimanski“-Tatort drehte, hing er in der Schlussszene an einem Fluggerät, irgendeinem Lenkdrachen. Götz George schwebte hoch über Duisburg, dem Schauplatz seiner Abenteuer, und brüllte: „Scheiße!“. Das sollte ein letzter Fußtritt gegen gewisse Kritiker sein, die Schimanski anfangs immer penibel vorgerechnet hatten, wie oft pro Folge er „Scheiße“ sagt.

Die erste Szene im letzten Film der Inge Meysel fängt ähnlich an. Inge Meysel hängt zwar nicht an einem Lenkdrachen. Aber sie ruft: „Scheiße!“ Inge Meysel sagt das, weil sie so alt ist. Das macht sie wütend. Sie liegt im Bett, ein Häuflein Falten und Knochen, tastet zittrig nach ihren Tabletten, aber kriegt sie nicht zu fassen. Dann steht sie auf, tastet sich zum Tisch vor, trinkt tatternd ein Glas Wasser und zeigt ihr Gesicht.

Man erkennt sie kaum wieder. Inge Meysel war seit langem eine alte Frau, jetzt ist sie eine Greisin. Sie trägt im Unterkiefer kein Gebiss. Sie nuschelt. Alles fällt ihr aus den Händen. Dann setzt die Musik ein, es ist das finstere Stück „The End“ von den Doors. Die Erschöpfung in Meysels Gesicht, Erschöpfung, wie man sie selten so hingebungsvoll gespielt sieht, taut weg, eine Spur Trotz zeigt sich. Wer in Deutschland konnte Trotz je so gut so spielen wie Inge Meysel? Inge Meysel wird sich zum Auto schleppen. Sie wird zu einer Baustelle fahren, einer halbfertigen Brücke. Sie wird Vollgas geben und sich von der Brücke zu Tode stürzen, damit es mit dem Alter und den Schmerzen ein Ende hat. Ein Rock’n’Roll-Tod.

So grandios also verabschiedet sich Inge Meysel vom Publikum. Am Pfingstsonntag wird sie 94 Jahre alt. Am Pfingstmontag zeigt die ARD ihren sehr wahrscheinlich letzten Film. Es ist ein Krimi aus der Reihe „Polizeiruf 110“.

Harald Juhnke ist ein solcher Abschied bekanntlich nicht gelungen. Juhnkes Geist ist plötzlich erloschen wie die berühmte Kerze im Windzug. Inge Meysel dagegen schwindet langsam dahin. Sie leidet, wie es heißt, an einer allmählich fortschreitenden Demenz. Vor einiger Zeit ist sie gestürzt, war sehr krank, aber hat sich, wie es scheint, noch einmal berappelt. Ein Comeback, wie für Schimanski, wird es wohl trotzdem nicht geben.

Vor einem Jahr aber konnte sie noch drehen, sogar relativ strapaziös, auf dem Land bei Brilon und bei München. „Mein letzter Wille“ ist der letzte „Polizeiruf“, der vom WDR produziert wird. Der Sender will sich ganz auf den „Tatort" konzentrieren. Zum Abschied knüpft er noch einmal an den allerersten WDR-Polizeiruf von 1995 an, „1 A Landeier“, damals Gewinner eines Grimme-Preises. Das Personal ist das gleiche, auch damals spielte Inge Meysel mit.

Die Idee, eine neun Jahre alte Krimiserienfolge fortzusetzen, die kaum jemand noch kennt, ist nicht die allerbeste. Überhaupt, „Mein letzter Wille“ ist kein besonders guter Krimi. Er möchte humorvoll und skurril sein, aber es reicht nur zum Witzeln. Die Figuren sind comichaft, aber zu halbherzig gezeichnet, ohne die Coolness, die sie bei Detlef Buck wahrscheinlich hätten. Viele Klischees. Der Plot geht ungefähr so: Ein Mafiakiller verliert sein Gedächtnis und verliebt sich in die Frau, die er beseitigen soll. Und das BKA ist mit der Mafia vernetzt.

Meysel überlegt es sich auf der Brücke im letzten Moment anders, sie bremst, kein Selbstmord. Der Film geht weiter. Eigentlich ist das schade, er hat seine bei weitem beste Szene hinter sich, und es wäre ein so schöner Abgang gewesen für sie. Dann schaut man sich ihre Filmografie an. Inge Meysel hat in wenigen Filmen mitgespielt, deren Namen man heute noch kennt. Sie war immer die Stärkere, stärker als ihre Regisseure, stärker als die Filme, die Männer, die Kritiker und überhaupt alles. Es passt also.

„Polizeiruf 110 – Mein letzter Wille“, ARD, Pfingstmontag, 20 Uhr 15

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