Medien : Roger: Der Berg ruft

Sat-1-Chef Schawinski geht, Stellvertreter kommt

Joachim Huber/ Marc Felix Serrao

Roger Schawinski verlässt den Privatsender Sat 1 zum Ende des Jahres. Nachfolger des Schweizers in der Geschäftsführung wird sein Stellvertreter Matthias Alberti, aktuell Unterhaltungschef des Senders. Die Überraschung liegt nicht in der Tatsache seines Ausscheidens als Geschäftsführer, sondern im Zeitpunkt. Allen Dementis zum Trotz: Die Frage war, ob Schawinski vor dem Verkauf der Sendergruppe Pro 7 Sat 1 Media AG geht – oder danach. Mehrheitsaktionär Haim Saban will noch im Dezember seine Anteile am Medienkonzern gewinnbringend an einen Finanzinvestor veräußern. Zu den aktuellen Interessenten zählen die Investoren Kohlberg, Kravis, Roberts (KKR) und Permira, Apax und Goldman Sachs sowie die türkische Dogan-Yayin-Gruppe.

Mit Saban hatte der Sat-1-Chef Schawinski bislang sein Auskommen im Sender und im Konzern: Man kennt sich, man schätzt sich. Spekulationen darüber, dass Schawinskis Abgang im Zusammenhang mit dem geplanten Verkauf der Sendergruppe steht, weist Katja Pichler, Konzernsprecherin von Pro 7 Sat 1, energisch zurück: „Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.“ Schawinskis Entscheidung sei „rein persönlich“.

Allerdings ist gar nicht klar, ob die neuen Eigentümer der Media AG sich von Schawinski später getrennt hätten. Ihr erster Ansprechpartner wie auch der von Haim Saban heißt Guillaume de Posch. Der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns ist ein Mann der Zahlen, die richtige Bezugsgröße für Investoren. Dieses Denken hat sich auf die Geschäftsführer der einzelnen Fernsehsender übertragen. Als Roger Schawinski im Dezember 2003 die Leitung des Berliner Privatsenders Sat 1 übernahm, da löste er Martin Hoffmann ab. Es war der Wechsel von einem Programmgeschäftsführer zu einem Geschäftsführer, der den Sinn privaten Fernsehmachens zur klaren Leitlinie formte: Fernsehen ist ein Mittel zum Zweck des Geldverdienens.

In der Pressemitteilung vom Mittwoch ist im Kontext des Geschäftsführerwechsels vornehmlich von Zahlen die Rede. Guilaume de Posch: Schawinski „hat Sat 1 zum wirtschaftlichen Erfolg geführt. Mit Formaten wie ,Schillerstraße‘, ,Verliebt in Berlin‘ oder ,Die Luftbrücke‘ ist es ihm gelungen, den Sender entscheidend zu profilieren“. Schawinski: „Es waren drei herausfordernde und spannende Jahre bei Sat 1. Und ich bin stolz darauf, dass Sat 1 in jedem dieser Jahre neue wirtschaftliche Rekordergebnisse verzeichnen konnte.“ Unter seiner Führung habe sich der Vorsteuergewinn von vier Millionen Euro im Jahr 2003 auf 127 Millionen Euro in den ersten neun Monaten 2006 erhöht. Trotzdem: Der wohlhabende Schweizer geht nach drei Jahren, wiewohl er nur zwei hatte bleiben wollen. Vielleicht vermisst er die heimatlichen Berge.

Sat 1 ist die Nummer zwei der Gruppe, hinter der „Leadmarke“ Pro 7 und vor der Klassiker-Abspielstation Kabel 1; ein reiner Unterhaltungssender, grundsolide und ein bisschen langweilig. Die wenigen Versuche, den gefühligen Kai-PflaumeMainstream zu verlassen, wie 2005 der „Talk der Woche“ mit der klugen Radiomoderatorin Bettina Rust oder jüngst der vierteilige Thriller „Blackout“, bleiben die Ausnahmen von der Programmregel.

Und der Neue? Bei Sat 1 verweist man stolz auf erfolgreiche Fernsehformate wie „Clever“, „Lenßen & Partner“ oder „Pastewka“, die unter der Ägide des Noch-Unterhaltungschefs und künftigen Geschäftsführers Alberti ins Programm eingeführt wurden. Dabei war nicht alles Gold, was der 43-jährige frühere RTL-Mann bei Sat 1 bislang angepackt hat. Nur ungern erinnert man sich etwa an den gefloppten Harald-Schmidt-Nachfolgeversuch „Anke Late Night“ oder das wahre „Socialtainment“-Quotendesaster „Kämpf um deine Frau“. „So ist das Leben“, sagt Sat-1-Sprecherin Kristina Faßler. „Wer nichts ausprobiert, kann im Fernsehen auch keine Erfolge haben.“

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