Medien : Ronny und der Weltschmerz

Vier Filme im ZDF über das rätselreiche Erwachsenwerden

Mechthild Zschau

Die Autorenfilmer der zweiten Staffel der sommerlichen Reihe „Gefühlsecht" vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF (die erste widmete sich starken Frauenfiguren) sind selbst noch jung; und weil sie jung sind, sind ihre Erinnerungen an die schwierige, rätselreiche Zeit des Erwachsenwerdens noch frisch. In ihren ersten langen Filmen tauchen sie tapfer wieder hinab in das Gefühlschaos der Pubertät und behaupten nicht, klüger zu sein als ihre Protagonisten. Und diese wundersame, vierteilige Filmreihe versteckt das ZDF nach Mitternacht. Welch ein Jammer.

„Klassenfahrt“ zum Auftakt: Ronny steht der Weltschmerz derart ins Gesicht geschrieben, dass man ihn schütteln möchte. Das Maul kriegt er nicht auf, selbst Blicke wagt er nur im Notfall. Und dieser Unglückswurm verliebt sich auf einer Klassenfahrt in ein graustichiges polnisches Ostseenest in die trotzige, neugierige Isa. Sie ist keineswegs abgeneigt, aber weil er so gar nicht in die Gänge kommt, flirtet sie ein bisschen mit dem schon männlichen Polen Marek. Erst vertieft sich Ronnys Weltschmerz noch mehr, dann kommt doch Bewegung in ihn: Er fordert den Konkurrenten heraus und erschrickt tief, als der Zweikampf der ungleichen Männchen zu seinen Gunsten ausgeht. Henner Winckler erzählt die eigentlich banale Geschichte mit so viel Zeit zwischen den Worten, dass der leere Himmel über der Ostsee langsam dem Druck der ganz großen, noch ganz unbegreiflichen Gefühle kaum mehr standhalten kann.

Welch eine Quälerei ist doch das Erwachsenwerden. Die Körper fordern ihr Eigenleben, Familie und Klassenverbund verlieren ihre Konsistenz, die Gesichter schließen sich zu, als wollten sie nie wieder etwas vom Inneren preisgeben ans feindliche Außen, das immer nur Vernünftigsein einfordert und Funktionieren und Angepasstsein.

In „Nicht Fisch – nicht Fleisch" von Matthias Keilich macht sich der von Deutschen adoptierte Koreaner Michael auf die Suche nach seiner Identität. Stürzt sich begeistert in die koreanische Szene Berlins mit Imbisslokalen, Karaokebars, Tae-Kwon-Do-Zentren und der schönen Jin Hi samt ihrer konservativen Familie. Dort muss er erfahren, dass man ihn nicht will: Er beherrscht weder Sprache noch die Regeln der Kultur. Wo also ist er zu Hause? Wer ist er – ein Deutscher?

Paul haut einfach ab von der Bundeswehr. Verbarrikadiert sich im sommerlich verwaisten Bungalow der Eltern und einer endlos leeren Zeit gegen lauernde Vergangenheit, vertrackte Gegenwart und die Zukunft, die geplant sein will. Er tritt auf der Stelle und um sich, hält niemanden aus, am wenigsten sich selbst („Bungalow" von Ulrich Köhler).

Die Jungs tun sich am schwersten mit dem Übergang zum Mannsein, die Mädchen wirken in allen Filmen weitaus pragmatischer, scheinen instinktiv zu wissen, was sie wollen, betreten leichtfüßiger den schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Traum. Wie die 13-jährige Paula, die vermutet, dass alle Erwachsenen „Mutanten" sind mit ihrer Harmonie und der Ordnung ihrer braven Reihenhäuser. Sie schnappt sich den wütenden Ladendieb Jens, dessen Eltern bei einem Unfall ums Leben kamen. Gemeinsam brennen sie durch, klauen Essen und Autos und landen unweigerlich an jenem Punkt, an dem die Illusionen verfliegen und der Schmerz zur Rückkehr zwingt. Katalin Gödrös greift in „Mutanten“ die Kinotradition des Road-Movies auf und verwandelt sie zur Metapher für die verzweifelt-hoffnungstrunkene Suche nach jenem Ort, an dem das Leben lebbar ist ohne die elenden Kompromisse der Großen.

„Klassenfahrt“: ZDF, heute, 0 Uhr 30

„Mutanten“: ZDF, 25. August, 0 Uhr 10

„Nicht Fisch – nicht Fleisch“: ZDF, 1. September, 0 Uhr

„Bungalow“: ZDF, 8. September, 0 Uhr 10

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