Medien : „Roschee national“

In der Schweiz ist der neue Sat-1-Chef Roger Schawinski noch durch jede Mediengasse gekommen

Charles A. Landsmann

Sat 1 hat einen neuen Chef. Der Wechsel an der Senderspitze hat für einigen Wirbel gesorgt. Der neue Mann, Roger Schawinski, wird ab sofort seinerseits stetig für Wirbel sorgen. So ist er nun mal, der schweizerische Hans Dampf in allen Mediengassen.

Der 58-jährige Doktor der Ökonomie hat beim Schweizer Fernsehen DRS mit dem von ihm konzipierten und geleiteten Konsumentenmagazin „Kassensturz“ viel Aufsehen und Aufregung erregt, hat danach als „Tat“-Zeitungsmacher erfolgreich bis zum bitteren Ende neue Wege beschritten, um als Privat- Radio- und Fernsehpionier die schweizerische Medienszene aufzumischen. Als Autor wusste er mit seinen Büchern gekonnt zu provozieren, genauso wie er dies in seinen Talkshows zuvor getan hatte.

Roger Schawinski hat nicht nur mit seinen jeweiligen Medien für Schlagzeilen bei der Presse, Kopfschmerzen bei den amtlichen Medien-Bürokraten und Begeisterung bei Lesern, Hörern und Zuschauern gesorgt: Er selbst wurde zu einer helvetischen Kultfigur, lange Jahre in der Spitzengruppe der populärsten Eidgenossen: „Roschee national“.

Er hat seine Medien und sich selbst stets genial zu verkaufen verstanden: „Weltmeister im Marketing“ lautete das entsprechende Kompliment. Für Schawinskis Ende der 70er und Anfang der 80er-Jahre von den Behörden mit Hinterlist bekämpftes, aus Italien nach Zürich sendendes „Radio 24“ und ihren charmant-provokativen „Roschee“ gingen damals Zehntausende auf die Straße, unterzeichneten Hunderttausende eine Petition, bis der Privatrundfunk legalisiert und Radio 24 der weitaus erfolgreichste Privatsender wurde und blieb.

Andererseits: „Die Tat“ ging mit ihm unter, der erste nationale Privatsender „Tele 24“ war stets verlustreich und wurde schließlich geschlossen – wenn auch erst nach dem Verkauf. An Roger Schawinski allein lag es beide Male nicht: Zeitung und Fernsehsender waren durch äußere Umstände zum Tode verurteilt: Die Zeit der in den ersten Nachkriegsjahren hochangesehenen „Tat“ war längst abgelaufen, als Schawinski ihr Chefredakteur wurde. Und für einen nicht subventionierten Privatsender ist der vom Koloss DRS regierte deutschschweizerische Markt viel zu klein.

Schawinski verlangte stets viel von seinen Leuten und leistete selbst noch mehr. Schon beim Lokal-TV „TeleZüri“ setzte er als Erster in Europa VJs ein: Video-Journalisten, die Reporter, Kameramann und Cutter in einer Person waren, während er selbst mit seiner täglichen Talk-Show journalistische Schwerstarbeit leistete und auch mit seinen Specials zu großen Events meist die öffentlich-rechtliche Konkurrenz ausstach.

„Ein harter Hund“ befanden viele in der helvetischen Medienszene, aber auch einer mit einer Nase für Talente und Konzepte, die er zu fördern verstand: Die besten der heutigen Stars in den elektronischen Medien der Schweiz haben bei ihm angefangen – zum Beispiel der jetzige ARD-Wolkengucker Jörg Kachelmann. Er setzt, so behaupten viele, seine Mitarbeiter unter erheblichen kreativen Druck, wirkt manchmal ungeduldig, doch hat er durchaus einen langen Atmen – nicht nur als spätberufener Marathonläufer – bei der Durchsetzung seiner Konzepte.

Die fast unbekannte Seite des sich selbst als „leidenschaftlichen Journalisten“ bezeichnenden Ökonomen (der seinerzeit einen weltweiten Wettbewerb unter Wirtschaftsstudenten gewann) ist seine Großzügigkeit, nicht nur gegenüber seinen Freunden. Eine Ecke der diesen Charakterzug verhüllenden Decke haben jetzt die schweizerischen Steuerfahnder hochgehoben. Sie fordern von seinen ehemaligen Mitarbeitern massive Steuernachzahlungen für jeweils viele tausend Franken, die er jedem Einzelnen von ihnen überraschend bei seinem Abschied von seinen Sendern geschenkt hatte – Geschenke, die die Beamten aber als steuerpflichtige Einkommen verstehen wollen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar