ROT SEHEN? : „Wie weit lasse ich mich treten?“

„Zivilcourage“: Gespräch mit Götz George über eine Haltung, eine Waffe in der Hand und seinen ARD-Film.

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Abziehen. Einen Spaß machen sich die Jugendlichen aus dem angsterfüllten Gesicht von Peter Jordan (Götz George) und halten es auf...Foto: WDR

Götz George, geboren 1938 in Berlin, ist der Sohn des Schauspielerehepaares Berta Drews und Heinrich George. Götz George begann seine Karriere am Theater, er spielte in Göttingen bei Heinz Hilpert, bei Hansgünther Heyme in Köln. Mit dem Kinofilm „Jacqueline“ (1959) gelang George der Durchbruch beim Film, in den 70er-Jahren wirkte er in zahlreichen TV–Produktionen, ehe er mit Kommissar Schimanski die Rolle des vielleicht populärsten „Tatort“-Kommissars übernahm. 2010 wird eine neue Folge gedreht. Mit „Schulz & Schulz“Filmen zeigte er ebenso seine komödiantische Seite wie in den Dietl-Filmen „Schtonk!“ (1992) und „Rossini“ (1997). In „Der Totmacher“ (1995) war er der Serienmörder Fritz Haarmann, in „Nichts als die Wahrheit“ (1999) spielte er den NS-Arzt Josef Mengele.

Götz George spielt in dem Film „Zivilcourage“, den die ARD am 27. Januar um 20 Uhr 15 zeigt, den Antiquar Peter Jordan in Berlin-Neukölln. Einen Mann, der nichts anderes will, als in Ruhe seinen Geschäften nachzugehen, sich aber plötzlich vor die Alternative gestellt sieht, wegzusehen oder einzugreifen. Peter Jordan stellt sich der Gewalt einer Jugendgang entgegen und zeigt „Zivilcourage“.

Herr George, sicher können Sie das Wort „Zivilcourage“ langsam nicht mehr hören.

Im Gegenteil. Es wurde viel zu lange viel zu wenig benutzt. Die meisten Menschen wollen davon nichts wissen – Menschen, die spontan und direkt Hilfe leisten, sind die große Ausnahme.

Es gäbe zu wenig Zivilcourage in Deutschland, haben Sie kürzlich gesagt. Ist das nicht eine etwas düstere Sicht?

Es geht nicht allein darum, einer alten Frau über die Straße zu helfen oder dazwischenzugehen, wenn Jugendliche sich prügeln. Zivilcourage bedeutet auch, und vor allem darum, zu widerstehen. Nicht mit „Bild“ zu sprechen, ist für mich eine Form der Zivilcourage. Weil es bedeutet, dass man bewusst Nachteile in Kauf nimmt. Zivilcourage zeigen heißt, sich der Konsequenzen bewusst zu sein und sie in Kauf zu nehmen. Jeder Mensch muss für sich entscheiden, ob er diesen Kampf aufnehmen will oder nicht. Es geht um Moral und um Ethik. Das ist ja nicht irgendetwas.

Wann haben Sie zum ersten Mal Zivilcourage erlebt?

In meiner Kindheit. Meine Mutter zum Beispiel ist gegen jeden, der etwas Falsches über meinen Vater gesagt hat, vorgegangen. Sie hat sich gewehrt und unsere Familie verteidigt. Sie hat sich weit aus dem Fenster gelehnt, um einen Menschen zu schützen und um Dinge klarzustellen. Wenn du so aufwächst, dann übernimmst du das. Eine gute Basis für das spätere Leben.

Lässt sich Zivilcourage lernen?

Man kann sie sich antrainieren. Und vergessen Sie eines nicht: Zivilcourage befriedigt. Wenn man sich selbst überwunden hat, dann bekommt man als Belohnung ein ganz anderes Selbstwertgefühl.

Haben Sie selbst eine Situation erlebt, in der Ihre Zivilcourage gefordert war?

Wenn Sie eine Situation meinen, die mit Gewalt zu tun hat, nein. Wenn es um Worte, also Meinungen und Überzeugungen geht, dann ja.

Was ist Ihrer Meinung nach das Gegenteil von Zivilcourage?

Denunziation. Das ist das Schlimmste - das Unwort meines Lebens.

Der Neuköllner Antiquar Peter Jordan, den Sie spielen, greift irgendwann zur Waffe. Wird da nicht eine Grenze überschritten, die nicht überschritten werden dürfte?

Nein. Denn täte er es nicht, dann wäre er nicht konsequent. Die Situation ist derart eskaliert, dass er es tun muss. Es geht nicht darum, abzudrücken. Es geht nicht darum, zu töten. Es geht darum, etwas in der Hand zu haben gegen das Böse.

So wie bei Bruce Willis.

Nein, wie Peter Jordan. Wir haben vor dem Dreh intensiv über dieses Thema diskutiert. Aber am Ende war uns klar: Alles andere wäre inkonsequent und damit unglaubwürdig. Jeder, der ehrlich mit sich selbst ist, wird zugeben müssen, dass er irgendwann auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, wie es wäre, zum Äußersten zu greifen. Das ist doch nur menschlich. Dieser Peter Jordan hat vorher alles, aber auch wirklich alles versucht. Aber wenn es nicht anders geht?

Die Zeit der Lichterketten ist in Deutschland vorbei?

Es hat nicht gereicht. Es ist doch unglaubwürdig, wenn ein Mensch alles mit sich machen lässt, bis zur Selbstaufgabe.

Zivilcourage und Gewalt schließen sich also nicht aus?

Die Frage ist: Wie weit lasse ich mich treten? Hätte es irgendjemand Dominik Brunner, der im September letzten Jahres von zwei Jugendlichen in München zu Tode getreten wurde, übel genommen, wenn er, hätte er eine Waffe gehabt, geschossen hätte, als ihm klar wurde, dass er sonst nicht überleben würde? Ich glaube nicht.

Hat Dominik Brunner etwas falsch gemacht?

Wenn es um Zivilcourage geht – sicher nicht. Aber vielleicht hat er sich selbst überschätzt. Aber auf jeden Fall hat er die Aggressivität der anderen unterschätzt.

Als Ihnen das Drehbuch zu „Zivilcourage“ vorgelegt wurde, ...

... habe ich sofort gesagt: Das mach ich. Ein großartiger Stoff.

Vielleicht auch deshalb, weil die 68er nicht ganz so gut wegkommen? Die drücken sich im Film, wenn es drauf ankommt. Dabei sind Sie doch auch ein 68er.

Aber ein ganz anderer. Als die 68er auf die Straße gingen, habe ich gearbeitet. Ich habe immer gearbeitet. Ich hatte gar keinen Kopf für das, was sich 68 und danach ereignete. Ich kann da im Grunde nicht wirklich mitreden. Ich bin durch diese Zeiten durchmarschiert und habe meinen Job gemacht. Das war mir wichtiger.

Als Schimi waren Sie der große Anti-Held. Eine schöne Zeit?

Eine sehr schöne Zeit! Der Name Schimanski hat mir in einigen Stresssituationen durchaus geholfen. Die dachten, ich hätte wirklich einen 65er Oberarm. Es hat zumindest verhindert, dass es jemals zum Äußersten gekommen ist.

Und Sie haben das natürlich genossen.

Ich habe jedenfalls solche Situationen nie bewusst provoziert. Es war für mich sehr interessant zu sehen, wie einem ein Nimbus wie der von Schimanski helfen kann. Das war der Segen der Popularität. Es gab aber auch den Fluch.

Popularität kann nützlich sein.

Ich wollte nie populär sein. Ich bin ein Naturmensch und ganz das Gegenteil von extrovertiert.

Bedauern Sie es, nie in eine Situation gekommen zu sein, in der Sie Zivilcourage hätten zeigen müssen?

Früher hätte ich gerne einmal die Gelegenheit gehabt, mich freizuschwimmen. Das brauche ich nicht mehr.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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