Medien : "Rote Glut": Kinder des Zorns

Thomas Gehringer

"Arbeiterklasse" ist ein ziemlich aus der Mode gekommenes Wort. Und die Zechen und Hochöfen im Ruhrgebiet sind in den immer selteneren Filmen aus dem Milieu der Industriearbeiter nur noch Klischees einer vergangenen Epoche. Kohle und Stahl - wen interessiert das noch in Zeiten der New Economy? "Schimanski" hat im letzten Jahrtausend abgedankt. Und dem Vergleich mit britischen Filmen wie "Billy Elliot" oder "Ganz oder gar nicht" scheinen deutsche Filmschaffende lieber aus dem Weg zu gehen.

In dieser Situation legt das ZDF einen im besten Sinne unzeitgemäßen Fernsehfilm vor: "Rote Glut" (20 Uhr 15) ist ein bewegendes Drama um zwei ungleiche Brüder, eine anrührende Liebesgeschichte und ein spannender Wirtschaftskrimi zugleich. Autor Christian Jeltsch gelingt das Kunststück, an die Kämpfe der Stahlarbeiter um ihre Jobs aus einer neuen Perspektive zu erinnern: aus der Sicht ihrer Söhne und Töchter.

Robert hat die enge Welt des kleinen Stahlarbeiter-Städtchens verlassen und kehrt nun als Unternehmensberater zurück, dessen Gutachten über die Zukunft des Werks entscheiden wird. Sein Bruder Adam ist Stahlarbeiter geblieben und schaut sich zuweilen die alten Videofilme an, die schon ihren Vater beim Kampf gegen die Schließung des Werks zeigen. Und dann ist da noch Judith, die einst Robert liebte, aber Adam geheiratet hat.

Der herausragende Stoff ist angemessen besetzt: Meret Becker (Judith), Roman Knizka (Robert) und Richy Müller (Adam) sind die Säulen dieser Dreiecksgeschichte. In Nebenrollen glänzen Michael Degen als cooler Manager und Hermann Lause als schrulliger Liebhaber der Fliegerei.

Gedreht wurde in still gelegten Stahlwerken, in die die einstigen Arbeiter nun als Film-Statisten zurückkehrten. "Manche dieser Arbeiter standen wirklich an dem Platz, wo sie vor fünf Jahren noch gearbeitet haben und hatten Tränen in den Augen", sagt Regisseur Mark Schlichter. Auch die Unternehmen zeigten sich kooperativ. Nur in einem Thyssen-Werk durfte nicht gedreht werden, weil dort in naher Zukunft Entlassungen bevorstanden. "Rote Glut" erzählt vom Zorn und Kampf der Arbeiter. Ob er ganz und gar vergeblich war, bleibt offen. Während der eine Bruder den Ausweg in einer Verzweiflungstat sucht, erfüllt sich für den anderen doch noch ein Jugendtraum.

Der Film ist gewiss keine romantische Verklärung von Klassenkämpfen, die Schlichters Generation womöglich fremd ist. Dennoch ist es "ein politischer Film", findet ZDF-Fernsehspielchef Hans Jahnke. "Nicht im Stil der vielleicht hilflosen Filme der 70er Jahre. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen."

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