Rowan Atkinson ganz anders : Aus Mr. Bean wird Kommissar Maigret

Nach Jean Gabin, Rupert Davies und Heinz Rühmann schlüpft nun der ehemalige „Mr. Bean“-Darsteller Rowan Atkinson in die Rolle des Jules Maigret.

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Im ernsten Fach: Rowan Atkinson gibt einen glaubhaften Maigret ab.
Im ernsten Fach: Rowan Atkinson gibt einen glaubhaften Maigret ab.Foto: ARD

„Ich sollte das machen“, sagt der britische Schauspieler Rowan Atkinson gleich zu Anfang von „Kommissar Maigret: Die Falle“ – und dieser Satz ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. International bekannt geworden ist Atkinson mit seiner komödiantischen Rolle als kauziger Sonderling Mr. Bean, den er zu Anfang der 1990er Jahre im britischen Fernsehen und später in zwei Kinofilmen auf so einprägsame Weise verkörperte, dass er damit sogar bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Sommerspielen 2012 in London auftrat.

Nach den Feierlichkeiten von London bekräftigte er allerdings seinen Entschluss, ins ernsthafte Fach wechseln zu wollen. Als Schauspieler im mittleren Alter noch kindliche Rollen zu spielen, könne als traurig wahrgenommen werden, befürchtete der Schauspieler. Und welche Rolle könnte ernsthafter sein als die des Pariser Kriminalkommissars Jules Maigret, geprägt unter anderem durch den unvergessenen Jean Gabin, der in drei Kinofilmen diese Figur von Georges Simenon mitgeprägt hat? Und so bedeutet der Ausspruch – „ich sollte das machen“ – sowohl, dass Maigret diesen Fall übernimmt, als auch, dass Atkinson sich diese Rolle zutraut. „Ich war mir sicher, dass ich seine Nachdenklichkeit wiedergeben kann. Sein Grübeln, das Gedankenvolle, seine Hingabe haben mich eingenommen“, sagt Atkinson über einen der bekanntesten Pfeifenraucher der Film- und TV-Geschichte.

Fünf Millionen Zuschauer in Großbritannien

Zu Beginn des neuen Jahres zeigt die ARD zwei Filme der britischen TV-Reihe. Mit über fünf Millionen Zuschauern startete die Neuauflage in Großbritannien überaus erfolgreich, zwei weitere Filme sind in Planung. In einem Punkt ähneln sich Mr. Bean und Kommissar Maigret sogar: beide sind sehr wortkarg. Als Comedy-Figur war es vor allem die nonverbale Humor, der alle Sprachgrenzen überwand. Kommissar Maigret ist ebenfalls kein Mann der großen Worte, und auch in seinen Gesten ist er zurückhaltend.

Die Liste der Maigret-Darsteller ist beachtlich, sie beginnt 1932 mit Pierre Renoir. In Deutschland wurde das Bild des Pariser Kommissars durch die Kinofilme mit Jean Gabin sowie von 1965 an durch die Ausstrahlung der TV-Reihe mit Rupert Davies im ZDF geprägt. Auch Heinz Rühmann verkörperte die Figur in „Maigret und sein größter Fall“ – allerdings mit durchwachsenen Kritiken. Eine Tabakspfeife allein macht eben noch keinen Maigret. Bei Rowan Atkinson kommt hinzu, dass man als Zuschauer wegen seiner Vorgeschichte als Mr. Bean unterbewusst doch immer damit rechnet, dass er im falschen Moment eine Grimasse schneidet. Doch diese Sorge ist unbegründet, Atkinson gibt einen glaubhaften Maigret ab.

Auffällig an der Neuauflage ist der enorme Aufwand, den Regisseur Ashley Pearce („Downton Abbey“) betrieben hat, um das Paris der 1950er Jahre in Szene zu setzen. Was mittels geeigneter Drehorte, zeitgenössischer Requisiten – Kleidung, Autos, Telefone – sowie einigen technischen Spielereien möglich ist, hat zuletzt zum Beispiel „Ku’damm 56“ gezeigt. Pearce hat zudem die kleinen, aber feinen Details bedacht. Die Boten in der Mordkommission, die den Ermittlern die Akten in Rollwagen bringen, gehörten früher zum typischen Erscheinungsbild in beinahe allen Behörden und Büros. Der Gesamteindruck – die meisten Szenen wurden in Budapest gedreht – ist so bis ins kleinste Detail stimmig, allein deshalb wäre der neue Maigret schon lohnenswert. Nur die eingängige Musette-Titelmelodie mit dem Akkordeon fehlt.

An den Geschichten hat sich seit den Filmen mit Gabin und Davies – die dem Täter ebenfalls schon eine Falle gestellt haben – im Grunde nichts geändert. Im ersten Film sucht die Pariser Polizei vergebens eine Spur von dem Serienmörder, als eine fünfte Frau in einer Gasse von Montmartre erstochen wird. Außer der Haarfarbe gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen den Ermordeten, die weder ausgeraubt noch sexuell missbraucht wurden. Als der Druck auf die Polizei durch Presse und Regierung weiter zunimmt, sieht Maigret seine letzte Chance darin, dem Täter die besagte Falle zu stellen. Mehrere Polizistinnen stellen sich freiwillig als Lockvögel zur Verfügung, eine folgenschwere Entscheidung …

Maigret betreibt ein gefährliches Spiel

Auch in seinem zweiten Fall „Kommissar Maigret: Ein toter Mann“ spielt der Kriminalist ein gefährliches Spiel, an dem diesmal sogar Madame Maigret (Lucy Cohu) beteiligt ist. Die Polizei hat es mit zwei Verbrechen zu tun. In der Picardie kommt es auf mehreren Bauernhöfen zu äußerst brutalen Morden. Die Öffentlichkeit ist so beunruhigt, dass die Pariser Polizei an den Ermittlungen beteiligt wird. Maigret beschäftigt jedoch ein anderer Mord. Ein völlig verängstigter Mann hatte sich bei dem Kommissar telefonisch gemeldet, wollte ihm bei einem Treffen etwas Wichtiges mitteilen. Doch dazu kam es nicht mehr. Sein Vorgesetzter drängt Maigret dazu, die Ermittlungen einzustellen, weil das Opfer der Unterwelt angehört. „Sollen sie sich ruhig gegenseitig umbringen“, wird Maigret gesagt, der das freilich ignoriert. Um dem Mörder auf die Spur zu kommen, gibt er sich sogar als Wirt einer Herberge aus, die er zusammen mit Madame Maigret betreibt. Ein gefährliches Spiel.

Heutzutage würde auch ein Maigret mit solchem Leichtsinn nicht lange Mordermittler bleiben. Doch Simenons Romane stammen aus einer Zeit, in der ein Kommissar und Menschenfreund einem Toten sogar einen herabgefallenen Schuh wieder über den Fuß streift, als also der Respekt vor den Toten mehr wog als die Spurensicherung. Kurt Sagatz

„Kommissar Maigret: Die Falle“, Neujahr; „Kommissar Maigret: Ein toter Mann“, 8. 1., jeweils 21 Uhr 45, ARD

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