RTL-Abenteuerfilm : Samenraub in der Schatzkammer

Im RTL-Film „Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“ muss eine wertvolle Pflanze beschützt werden. Und dann kommt auch noch Einsteins Urenkelin ins Spiel.

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Fasziniert: Schatzsucher Eik Meiers (Kai Wiesinger, links) wird von seiner Frau Katharina (Bettina Zimmermann, rechts) und Nerd Justus (Fabian Busch) unterstützt. Albert Einsteins Urenkelin Mila (Annika Blendl) findet nicht nur an Artefakten Gefallen. Foto: RTL
Fasziniert: Schatzsucher Eik Meiers (Kai Wiesinger, links) wird von seiner Frau Katharina (Bettina Zimmermann, rechts) und Nerd...

Von vielen großen Männern bleibt nach ihrem Tod vor allem ein ikonografisches Bild. Che Guevara ist so ein Fall. Sein Konterfei mit Zottelbart und Barett ziert noch heute manches T-Shirt, nicht zuletzt, weil Jugend und Revolution auch über 60 Jahre nach der kommunistischen Machtübernahme in Kuba noch immer zusammengehören. Albert Einstein war auf seine Art ebenfalls ein Revolutionär, und auch von ihn gibt es ein ganz besonderes Bild. Das Foto des Mannes mit den wirren Haaren und der herausgestreckten Zunge gehört ebenso wie die Guevara-Aufnahme zum kollektiven Bildarchiv der westlichen Welt. Und damit möglichst jeder RTL-Zuschauer den genialen Physiker – dargestellt von Andreas Wellano – erkennt, muss er im Abenteuerfilm „Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“ ebenfalls die Zunge zeigen. Zuvor hatte der Film-Einstein dem Schatzjäger Eik Meiers (Kai Wiesinger) und seiner Gattin Katharina (Bettina Zimmermann) posthum in einem alten Schwarz-Weiß-Film erklärt, wie sie den legendären Kunstschatz aus dem Königsberger Schloss finden können.

Das Duo Wiesinger–Zimmermann geht für RTL bereits zum dritten Mal auf Abenteuerjagd. 2008 war es der Schatz der Nibelungen, der 4,2 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme lockte. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hatte der Sender damit einen Marktanteil von 21,6 Prozent erreicht. Vor zwei Jahren folgte die „Jagd nach der heiligen Lanze“. In der Historie hat damit der römische Söldner Longinus den gekreuzigten Jesus Christi in die Seite gestoßen, in der RTL-Produktion gelangte sie auf unerklärlichen Wegen bis ins Innere des Brandenburger Tors. Der Marktanteil fiel mit 20,8 Prozent etwas geringer aus, doch die Zuschauerzahl blieb konstant, als diese historische Requisite für diese aberwitzige Verballhornung der Geschichte herhalten musste. Denn wenn es um die Unterhaltung seiner Zuschauer geht, kennt RTL keine Schamgrenze. Die Quotenerwartung fällt dieses Mal immerhin etwas moderater aus. Insgesamt kommt RTL derzeit auf eine Durchschnittsquote von 16,5 Prozent, über jeden Prozentpunkt mehr für das „Bernsteinzimmer“ würde sich der Sender freuen. Erreicht werden soll dieses Ziel nach der Methode „Never change a successful story“. Wiesinger und Zimmermann werden als deutsche Antwort auf Indiana Jones und Lara Croft mit jedem Gegner fertig, entweder mit Peitsche und Pistole, mitunter auch mit Köpfchen. Die lustige Nebenrolle wird erneut mit dem Technik-Nerd Justus (Fabian Busch) besetzt und Sonja Gerhardt darf wiederum als Eik Meiers Tochter Krimi an den Abenteuern teilnehmen.

Das Königsberger Bernsteinzimmer, jenes „achte Weltwunder“, das in den Wirren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschwunden ist, steht nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt eines Filmes. Corinna Harfouch, Ulrich Tukur und Michael Gwisdek suchten bereits vor 20 Jahren im Kino „Die Spur des Bernsteinzimmers“, doch was seinerzeit als Drama angelegt war, wird bei RTL zum grenzenlosen Klamauk. Die Trennung in Gut und Böse erfordert beim Privatsender weder historisches Vorwissen noch guten Geschmack. Da fixiert ein skrupelloser Vorstandschef eines Pharmakonzerns (Clemens Schick) sein Gegenüber mit stechendem Blick, die Narbe auf seiner Wange tut ihr Übriges. Er und sein Handlanger (Ralph Herforth) haben es auf etwas ganz anderes abgesehen als auf fossiles Baumharz. Im Bernstein eingeschlossen hat eine vor Jahrtausenden ausgestorbene Pflanze namens Silphium als Samen überlebt. Dieses Gewächs lässt selbst tödlich Verletzte oder unheilbar Kranke gesunden. „Dafür würden manche töten“, erkennt Meiers. Wie recht er damit hat. Nur dem Einsatz von Albert Einstein als Partisanenkämpfer war es zu verdanken, dass diese Macht den Nazis nicht in die Hände gefallen ist. Fast 70 Jahre später soll seine Urenkelin Mila Marglund (Annika Blendl) diesen Schatz hüten. Allerdings hat sie auch anderes im Sinn und schert sich wenig darum, dass Eik Meiers verheiratet ist.

Historisch interessierte Menschen sollten keine allzu hohen Erwartungen an diesen Film richten, immerhin gibt es etwas Deutschlandkunde. In ihren vorherigen Abenteuern hatten die RTL-Schatzsucher bereits auf Schloss Neuschwanstein und der Walhalla Station gemacht. Dieses Mal fliegen die Kugeln durch das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig und im Deutschen Museum in München wird sogar ein Kostümfest veranstaltet. Bei einem Etat von fünf Millionen Euro wurden auch sonst keine Kosten gescheut. Regisseur Florian Baxmeyer, der bereits die „Jagd nach der Heiligen Lanze“ inszeniert hatte, konnte aus dem Vollen schöpfen. In den Nachguss der Bernsteinplatten wurden mehrere Wochen Vorbereitungszeit investiert, für das große Finale Hunderte von Kubikmetern Styropor, Gips und Hartschaum verwendet. Sogar eine alte Rechenanlage mit 60 000 Relais wurde rekonstruiert. Sollte die Quote den Aufwand rechtfertigen, wird es sicher nicht die letzte Jagd nach einem legendären Schatz gewesen sein.

„Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“, RTL, 20 Uhr 15

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