"RTL aktuell" : Kurt Beck ist interessant, Knut ist interessanter

Politik wird bei "RTL aktuell" zur Verbraucherfrage. Die erfolgreichste Informationssendung im Privatfernsehen mischt News, Blaulicht und Service.

Bernd Gäbler
Klöppel
Anchorman Peter Kloeppel -Foto: ddp

Die Nachrichten im deutschen Fernsehen werden vermessen. Die Wissenschaft zählt, befragt und vergleicht. Dann lässt die ARD mitteilen, dass die „Tagesschau“ unverzichtbar sei; RTL verkündet, niemand erreiche die Jugend so sehr wie „RTL aktuell“, und Befragungen ergeben, dass Peter Kloeppel der beliebteste „News-Anchor“ ist.

Der Eindruck nach zwei Wochen genauem Hinschauen und Vergleichen ist: Wer sich allein durch „RTL aktuell“ informieren würde, der wäre nicht gut informiert. Aber dennoch könnte er das gute Gefühl haben, über das Wichtigste Bescheid zu wissen. Denn „RTL aktuell“ ist keine klassische Nachrichten-Sendung – vergleichbar mit „Tagesschau“ oder „heute“. „RTL aktuell“ ist aber auch kein News-Magazin wie das „heute journal“ oder die „Tagesthemen“. „RTL aktuell“ ist ein souverän präsentiertes Magazin mit einer inzwischen eingespielten Themenmischung aus News, Blaulicht und Service. Wie angegossen passt es in den Sendeablauf von RTL. Mehr als vier Millionen Zuschauer schalten täglich ein.

Das Outfit ist schick, das Studio modern, die Musik einprägsam. Die Sendung beginnt mit einem Themenüberblick und Bildteilung. Dann begrüßt uns Peter Kloeppel. Natürlich informiert er uns, wie Hamburg gewählt hat oder ob Verdi streikt. Es gibt Nachrichten im Überblick und am Ende Sport.

Nichts wirkt vorgelesen, es wird relativ wenig mit Standfotos gearbeitet. Wer nur auf diese Informationsquelle setzt, bekommt allerdings manches einfach nicht mit. Wenn der Bundestag über Online-Durchsuchungen berät oder Kultusminister über Korrekturen am Turbo-Abitur, dann wird dies von „RTL aktuell“ souverän ignoriert. Lieber zeigt man die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf den Alltag.

Zum Tarifstreit im öffentlichen Dienst wird uns exemplarisch die Logik beider Seiten vorgeführt: Ein Müllfahrer erklärt sein knappes Auskommen; andererseits muss der Verwaltungsdirektor der Stadt Gladbeck bei Erfüllung der Lohnforderungen wahrscheinlich das Schwimmbad schließen. In dieser Art, Themen „herunterzubrechen“, übt sich auch das ZDF häufig. Dahinter steckt der Versuch, vornehmlich über die Gesellschaft und nicht die Politik selbst zu berichten. Vermutlich folgt „RTL aktuell“ hier der sympathischen Idee, nicht jede parteipolitische Millimeterbewegung nachzuerzählen, als sei sie eine Haupt- und Staatsaktion, aber erkauft wird dies mit einem anti-institutionellen Gestus: Politik ohne Politiker. Und der Bürger wird vor allem als Verbraucher gesehen.

Mit Politik wird man versorgt wie mit dem Nötigsten, so ähnlich wie durch die meisten privaten Radiosender. Es gibt wenig Bemühen um Komplexität. Dass der Stromanbieter Eon den Auflagen der EU zur Trennung von Netz und Versorgung folgt, wird erwähnt. Dass er damit die Bundesregierung düpiert, wird nicht angedeutet. Schlecht bedient ist, wer sich auch für Strategien oder taktische Winkelzüge in der Politik interessiert. Entsprechend ungenau ist die Sprache: „Parteirat unterstützt Linksruck“, heißt es zur SPD. Was er genau beschlossen hat, erfahren wir nicht. Ob die Formulierung „Warnstreiks legen Deutschland lahm“ angemessen ist, wird schon gar nicht mehr gefragt. Übertreibung ist jederzeit einkalkuliert.

Das „geistige Leben“, etwa stark diskutierte Bücher wie Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“, die Politisierung der Oscars oder die Welle von Politiker-Romanen ist nicht Gegenstand der Berichterstattung.

Wichtige Entwicklungen aus fernen Weltregionen erfährt der RTL-Zuschauer nur in feinen Dosierungen. Zwar ist man stolz auf das eigene Korrespondentennetz, und der Mann aus Moskau berichtet sogar aufgeregt mitten aus einer oppositionellen Demonstration, die gerade von Polizisten attackiert wird, aber Truppenaufmärsche in den Andenstaaten oder Massendemonstrationen in Kolumbien sind wohl einfach zu weit weg. Aus den USA wird von den Vorwahlen ordentlich berichtet, Feinheiten wie der deutsch-französische Streit um eine Mittelmeer-Union oder Gordon Browns Abwürgen eines Referendums zur EU, die Begegnung des Papstes mit dem Patriarchen von Konstantinopel oder gar Neues aus dem Kosovo darf man nicht erwarten.

Aber direkt von der Kanalinsel Jersey berichtet ein RTL-Reporter, denn da wurde jüngst ein Horrorkinderheim entdeckt. Aus dem Gaza-Streifen werden Gewaltbilder gezeigt, aber ebenso wenig erklärt wie etwa der weltpolitisch bedeutsame Staatsbesuch aus Teheran in Bagdad.

Selbst die Welt des Sports würde jemand, der sich vornehmlich bei RTL informiert, nur eigenartig verzerrt überblicken – mit dem baldigen Saisonstart der Formel 1 als Zentralachse. Natürlich kommt auch anderes vor: montags die Bundesliga und sogar Ski alpin, jedenfalls dann, wenn es einen spektakulären Sturz gibt.

Bieten die Agenturen „starke Bilder“ an, greift „RTL aktuell“ gerne zu. Das gilt für Eisbärbabys, Skandalvideos selbst aus Südafrika oder Brandstiftungen in Seattle. Zum angeblichen „Goldrausch“ schickt man eigene Reporter ins sächsische Deutschneudorf (fälschlicherweise in Thüringen lokalisiert).

Nach dem Nachrichtenüberblick folgen regelmäßig Beiträge, die jeden traditionellen News-Konsumenten überraschen. Mit großem Aufwand wird ein Vater bis nach Guatemala begleitet. Sein Kind sei entführt worden. Er fahndet danach. Fast beiläufig erfahren wir, dass die inzwischen von ihm getrennt lebende Mutter das Kind aus Deutschland mitgenommen hat, er es aber zurückhaben möchte. Weder Hintergründe nach Parteinahme werden erläutert. In einem anderen Bericht ist die Mutter eines getöteten Jungen darüber empört, dass für die Mörder das Jugendstrafrecht gilt. An einem anderen Tag spielen Schauspieler wieder einmal Gewalt in Bussen und Bahnen – was nebenbei eine schöne Gelegenheit ist, noch einmal das Überwachungsvideo aus der Münchener U-Bahn zu zeigen – und RTL beobachtet, wie die Mitfahrer reagieren. In München wird eine von Scientologen betriebene Kita geschlossen; bei einem auf normaler Straße illegal ausgetragenen Autorennen stirbt ein Teilnehmer, dennoch werden nur Bewährungsstrafen verhängt, weil es „Selbstgefährdung“ war. Ein „Blaulicht-Thema“ täglich scheint Pflicht zu sein. Die Beiträge könnten direkt „Brisant“ entnommen sein. Gerne genommen werden Unfälle sowie plötzliche Wetteränderungen.

„RTL aktuell“ ist ein wenig wie eine Zeitung, die nur aus der ersten und der letzten Seite besteht: einem Nachrichtenüberblick und „Panorama“.

Wer aber „news to use“ senden will, also Nützliches für den Zuschauer, wie es der erklärte RTL-Wille ist, fädelt auch noch täglich mindestens ein Service-Thema ins Nachrichtengeflecht. Meist vor dem Sport, gelegentlich noch gefolgt von einem noch „bunteren“ Stück, erfahren wir dann Alarmierendes von neuen gefährlichen Zeckenarten – Impfung wird empfohlen -, einem Knigge für SMS und Online-Kommunikation oder ob Händler auf Wochenmärkten bei der Bezeichnung „aus deutschen Landen“ schummeln. Ausführlich mit grafischer Darstellung aller Marken und Noten wird wiedergegeben, wie Stiftung Warentest Energiesparlampen testete. Eine Reporterin zeigt uns, wie man jetzt in einigen Städten mit dem Handy Parkgebühren zahlen kann und endet mit dem lauen Kalauer, dass Frauen nicht einparken können. Sehr nachrichtlich ist das alles nicht.

Eigentlich bietet das Magazin „RTL aktuell“ eine recht wilde Themenmischung, die sich aber harmonisch einfügt in die Sehgewohnheiten und Erwartungen des RTL-Publikums. Jedem anderen Sender würde das Magazin wahrscheinlich um die Ohren fliegen. Erst recht, wenn die Moderation flapsig wäre oder auf Sensation gebürstet. Peter Kloeppel aber hält es zusammen. Meist endet er mit einer persönlichen Bemerkung zu Anni Friesinger, Dirk Nowitzki oder Schumi, bleibt bis dahin aber durchgehend seriös und distanziert.

Manchmal schaut Peter Kloeppel etwas skeptisch oder relativiert eine Aufregung, unterstreicht mimisch den Ernst einer Sache oder gibt zu erkennen, dass auch er den Schlussgag im Film eher mittelmäßig fand. Er gibt den Takt vor und bestimmt die Tonlage. An ihm, dem Chefredakteur liegt es wesentlich, dass „RTL aktuell“ einen recht guten Ruf als Nachrichtenformat hat.

Dass so viele gestandene Nachrichtenredakteure in anderen Sendern ratlos sind, wie sie jüngere Zuschauer gewinnen können, ist verständlich. Unverständlich bleibt, warum sie dabei so sehr in Richtung „RTL aktuell“ schielen.

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