Medien : RTL-Bilanz: Im Club der Millionäre

Thomas Gehringer

Mit RTL ist es ein bisschen wie mit der guten alten Miss Sophie, die jedes Jahr an Silvester ihrem bedauernswerten Butler zuflötet: "The same procedure as every year, James." Knapp drei Monate später stellt sich der - zugegeben etwas frischer wirkende - RTL-Geschäftsführer regelmäßig vor die Presse und verkündet die neuesten Rekordzahlen der verflossenen Fernsehsaison.

Seit acht Jahren, seit RTL also Marktführer ist, geht das nun so, und auch gestern durfte sich Geschäftsführer Gerhard Zeiler über neue Spitzenwerte freuen. Der Umsatz des Unternehmens RTL Television wuchs 2000 im Vorjahresvergleich um zehn Prozent auf 2,89 Milliarden Mark, die Werbeerlöse (brutto) um 11,8 Prozent auf 4,26 Milliarden, die Rendite auf 17,2 Prozent und das Ergebnis vor Steuern sogar um 35 Prozent auf 497 Millionen Mark.

Andererseits: Nichts ist wie im Vorjahr, da kann Butler James noch so oft über den Tiger stolpern. Der RTL-Geschäftsführer muss sich damit auseinander setzen, dass die von Bertelsmann dominierte Muttergesellschaft RTL Group seit Juli 2000 an der Börse in London notiert ist. Als Didier Bellens, Chef der RTL Group, vor einigen Tagen "eine ziemlich flaue Gewinnentwicklung" einräumen musste, sackte der Kurs der RTL-Aktie um knapp ein Drittel ab. Bellens kündigte - allein bei den deutschen TV-Sendern aus der RTL-Familie - Einsparungen von 80 bis 100 Millionen Mark an. Gerhard Zeiler dazu: "Wir haben eine ganz klare Arbeitsteilung. Wir liefern der RTL Group gute Ergebnisse, und dafür haben wir eine relative Freiheit in der operativen Arbeit." Dem aus Luxemburg verordneten Sparkurs scheint er nicht folgen zu wollen, auch wenn er einen Widerspruch zu Bellens bestritt.

Die Programmkosten sollen jedenfalls weiter steigen - "um wie viel genau, wollte Zeiler nicht sagen. Im Jahr 2000 gab RTL Television 1,46 Milliarden Mark fürs Programm aus, rund 1,2 Milliarden wurden im eigenen Haus oder im Auftrag produziert. Selbstbewusstsein kann sich Zeiler durchaus erlauben, die Schwachstellen halten sich in Grenzen. Selbst die zu Jahresbeginn im Vergleich mit 2000 niedrigeren Werbeerlöse lagen im März wieder im Plus, was Gerhard Zeiler zweifellos ebenfalls mit Blick auf die Börsennotierung sogleich in eine "sehr, sehr optimistische" Stimmung versetzte. Im Programm muss RTL nach eigenen Angaben nur nachmittags (an Werktagen) und am späten Abend (Samstag und Sonntag) anderen die Marktführerschaft überlassen.

Ein Zuschussgeschäft bleibt der Sport - vor allem die Champions League wurde in der laufenden Spielzeit angesichts des schwachen deutschen Abschneidens zum Desaster. "Wenn die Bayern ins Finale kommen", tröstete sich Chefredakteur Hans Mahr, "dann werden wir viele Tränen, die wir vergossen haben, wieder trocknen können." In der Formel 1 droht nach dem Einstieg von Leo Kirch das Aus ab 2003, auch wenn Mahr verkündet: "Wir sind sehr optimistisch, dass die Free-TV-Rechte darüber hinaus bei RTL bleiben werden." Aber die Kölner Kommerzfunker haben ja noch ihren Günther Jauch, der, laut Zeiler, "weltweit beste Moderator." Das Quiz wird zwar von Ende Mai bis Mitte September eine ausgedehnte Sommerpause einlegen, dafür gibt es ab dem 22. April bei der "10 Millionen SKL Show" sieben Abende Jauch am Stück.

Und womöglich taucht der Tausendsassa bald im Internet auf, nämlich als "virtueller Jauch" (Mahr) bei der Online-Version von "Wer wird Millionär?" In Zukunft soll die RTL-Dachmarke interaktives Fernsehen sowie Breitband-Dienste über PC und mobile Angebote über die künftigen UMTS-Netze verbinden. Dennoch sei "Fernsehen kein Medium der Vergangenheit", erklärte Zeiler. Auch der klassische TV-Bereich soll weiter ausgebaut werden. In diesem Halbjahr soll zum Beispiel endlich entschieden werden, ob RTL mit einem eigenen Nachrichtenkanal ins Spartengeschäft Information einsteigt, oder ob der Sender mit anderen (wie etwa n-tv) in ein gemeinsames Boot steigt.

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