Medien : RTL: Der Günther-Jauch-Sender

Thomas Gehringer

RTL kann durchaus noch verblüffen: Zum Beispiel mit der Nachricht, dass nicht alle neuen Shows von Günther Jauch moderiert werden. So startet am 3. September "Das Jugendgericht" (montags bis freitags, 16 Uhr) mit Dr. Ruth Herz. Die Jugendrichterin, die ein viel gelobtes Projekt zum Täter-Opfer-Ausgleich ("Die Waage") gegründet hatte, ließ sich zwei Jahre beurlauben, um (erfundene) Fälle von Jugendkriminalität fernsehgerecht zu verhandeln. Das fällt ebensowenig ins Ressort von Fast-Alles-Könner Jauch wie die Reality-Formate, an denen RTL munter festhält, als hätte es das Fiasko von "Big Brother", "Inselduell" und ähnlichen Sendungen nie gegeben. Gleich drei neue Shows schickt der Kölner Privatsender in der kommenden Fernseh-Saison ins Rennen, darunter "Versuchung im Paradies" (ab Oktober) nach dem US-Vorbild "Temptation Island". Dabei verbringen vier Paare zwei Wochen auf einer Karibikinsel - getrennt voneinander, dafür aber gemeinsam mit jeweils 13 Singles des anderen Geschlechts. Einen "Beziehungs-Check unter karibischer Sonne" nennt das Moderator Oliver Geißen, und auf keinen Fall solle die Show Paare mutwillig auseinander bringen. Vorsichtshalber lässt RTL nur unverheiratete Paare teilnehmen.

Ein leiser Abgesang auf "Big Brother" war nicht zu überhören: Statt auf die Machart billiger Containershows, deren Rückkehr bei der Präsentation des künftigen RTL-Programms kein Thema war, will Senderchef Gerhard Zeiler auf "höhere Qualitätsstandards, auf ein Mehr von Aufwand und Ressourcen" setzen. Das gelte auch für "48 Stunden" und "Ausgesetzt", in denen Abenteuerlustige sich in entlegenen Gebieten zurechtfinden müssen. Ganz so sicher scheinen aber auch die RTL-Verantwortlichen nicht an den Erfolg zu glauben. Zeiler erklärte, für jedes neue Format werde es in Zukunft ein "Back-up-Programm" geben - Fernsehen auf der Ersatzbank sozusagen, das sofort zum Einsatz kommen kann, wenn die neue Sendung die Erwartungen nicht erfüllt. Das dürfte Geld kosten.

Überhaupt ließ Zeiler ein wenig die Muskeln spielen: RTL werde in diesem und auch im Jahr 2002 die Programm-Ausgaben steigern. Diese Ankündigung ist nicht ganz selbstverständlich, da auch RTL von den Einbrüchen auf dem Werbemarkt nicht verschont geblieben ist. Immerhin konnte der Marktführer die Werbeerlöse im ersten Halbjahr 2001 gegenüber den 2,2 Milliarden Mark im gleichen Zeitraum des Vorjahrs "leicht steigern" (Zeiler), was nicht jeder Privatsender in Deutschland von sich behaupten kann. Von den Wachstumsraten der Vorjahre ist jedoch auch RTL weit entfernt.

Aber der Sender hat ja noch Günther Jauch. Der nicht gerade unterbeschäftigte Quoten-König wird zwei weitere Shows moderieren: Am 8. September den bereits angekündigten "IQ-Test" und im kommenden Frühjahr "Die Grips-Show", bei der Jauch Gedächtnis-Akrobaten präsentieren will. Im Übrigen absolviert der 45-Jährige das übliche Marathon-Programm: "Stern TV", Champions League, Skispringen, "SKL Show" und natürlich "Wer wird Millionär?". Am 14. September hat das Erfolgsquiz die lange Sommerpause beendet, und Jauch ließ mitteilen, er habe den Ehrgeiz, damit zumindest noch in diesem und dem nächsten Jahr erfolgreich zu sein. Dass RTL seinen besten Moderatoren-Kopf womöglich verschleiße, diesen Vorwurf konnte RTL-Chef Zeiler nicht nachvollziehen: "Günther Jauch ist immer noch weniger auf dem Sender als Stefan Raab bei Pro Sieben und Harald Schmidt bei Sat 1." Vielleicht ist es aber doch ein Zeichen von Einsicht, dass Zeiler für ein weiteres Rate-Format noch keinen Moderator präsentierte. In der Show "Einer gegen 100" tritt ein Kandidat gegen das hundertköpfige Studiopublikum an.

Ansonsten setzt der Privatsender auf seine bewährte Mischung aus Talk, Serien, Comedy, TV Movies, Kinofilmen, viel Boulevard und nicht ganz so viel Information. Aber der Sender arbeitet weiter an seinem Info-Profil: Erstmals versucht sich RTL an einer zeitgeschichtlichen Dokumentation. Der Vierteiler "Krisen, Kanzler, Koalitionen" über die deutsche Nachkriegsgeschichte soll das Publikum ebenso wie zehn sonntägliche Polit-Duelle im nächsten Herbst auf die Bundestagswahl einstimmen. Im fiktionalen Bereich ragt die Zehn-Millionen-Mark-Produktion "Pest" heraus. Hannelore Hoger ("Bella Block") spielt in dem Katastrophen-Thriller die Kölner Oberbürgermeisterin. Erstmals nimmt RTL auch eine Actionserie ins Programm, deren Titelrollen rein weiblich besetzt sind: "3 wilde Biester". Beide Produktionen laufen in diesem Herbst. Der Höhepunkt im nächsten Jahr verspricht "Dinotopia" zu werden. Sagenhafte 180 Millionen Mark hat dieser Dreiteiler in Koproduktion mit Hallmark Entertainment gekostet, der das friedliche Zusammenleben von Menschen und Dinosauriern auf einer unbekannten Insel schildert. RTL ließ es sich nicht nehmen, auf der Düsseldorfer Bühne ein Saurierbaby zu präsentieren, das ohne erkennbare menschliche Hilfe aus einem Ei schlüpfte. Und obwohl von RTL ins Leben gerufen, hatte es wider Erwarten auch gar keine Ähnlichkeit mit Günther Jauch.

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