RTL : Lizenz zur Geisterjagd

Im vorgeschriebenen Programmfenster bei RTL spukt’s: Ein Beitrag zur Vielfalt von AZ Media TV.

Thomas Gehringer

Am Fuß der alten Treppe in dem stillgelegten Lungen-Hospiz zögert Geisterjägerin Doris W., 46, Codename: Shanara. Hier ist es ihr nicht geheuer, ihr bricht der Schweiß aus. Dafür gibt es natürlich eine Erklärung. „Geisterwesen ziehen halt Energie aus der Luft“, sagt sie. Zu viert sind die Geisterjäger aus der Nähe von Hamburg in dem alten Gemäuer unterwegs, mit Kameras, Taschenlampen und Geräten, die Schwankungen bei Temperatur und elektromagnetischer Strahlung messen. Es sind zwei Männer und zwei Frauen, wobei Daniela P. den interessanten Beinamen „Silent Nurse“ trägt.

Außerdem werden noch ein weibliches Medium und eine zweite Gruppe von Geisterjägern für die erste Ausgabe der neuen Reportagereihe „30 Minuten Deutschland“ begleitet. Sie geben sich redlich Mühe, einen seriösen Eindruck zu vermitteln. Dabei helfen englischsprachige Titel und eine Art Dienstkleidung. In Geisterjäger-Kreisen trägt man T-Shirts mit wichtig klingenden Aufdrucken. Ian Wilce zum Beispiel ist „Case Manager & Investigator“ seiner „Ghost Finder“-Gruppe, die aus ihm, seiner Frau und einem Nachbarn besteht. „Man muss auch eine wissenschaftliche Erklärung finden können“, sagt der „Headghosthunter“. Welche wissenschaftliche Qualifikation Wilce besitzt, wird nicht erwähnt.

Auch sonst erfährt man wenig über die Menschen mit dem skurrilen Hobby. Warum tun sie das, und was tun sie sonst beruflich? Welche Ämter erteilen ihnen, wie behauptet, die Erlaubnis, um in leer stehenden Gebäuden wie den Beelitzer Heilstätten südlich von Potsdam vermeintlichem Spuk nachzuforschen? Bestimmt kein besonders gelungenes Beispiel für „öffentlich-rechtliches Fernsehen im Privatfernsehen“, wie Markus Engelhardt, Chefredakteur von AZ Media TV, das Programmfenster bei RTL beschreibt. Bei „30 Minuten Deutschland“ sollen Themen aufgegriffen werden, die der Sender sonst eher nicht anpacken würde.

Engelhardt muss das sagen – dafür hat AZ Media gerade die Lizenz bekommen. Der Gesetzgeber zwingt RTL diese Programmfenster auf, um damit ein Stück Vielfalt im Privatfernsehen zu gewährleisten. AZ Media, die zum Madsack-Verlag gehört, hat zum dritten Mal von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) die Lizenz für zwei Programmfenster bei RTL erhalten. Neben AZ Media blieb die von Spiegel-Verlag und Alexander Kluge getragene DCTP im Geschäft mit Drittsendelizenzen. Dass es immer dieselben Anbieter sind, die die Programmfenster bestücken dürfen, daran gab es Kritik, die die NLM nicht von der Entscheidung abbrachte. Nun fragt sich allerdings, für welche Art Vielfalt eine Reportage über Geisterjäger steht. Sie stammt von der von AZ Media beauftragten Berliner Produktionsfirma „Filet Film“. Deren Geschäftsführer ist Christian Angeli. Sein letzter Job: Chefredakteur bei AZ Media. Thomas Gehringer

„30 Minuten Deutschland“,

RTL, 23 Uhr 30

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