RTL : Neues Volksfernsehen

Schulden, Schreihälse und Schweine: Wie der Sender RTL soziale Realität in Unterhaltung umwandelt - und damit in Deutschland ein großes Publikum findet.

Erika Butzek
Bauer sucht Frau
Kuscheln im Kornfeld. Die Doku-Soap "Bauer sucht Frau". -Foto: dpa

Politiker brauchen es als Wählerstimmen, Fernsehmacher brauchen es als Quoten: das Volk. Nur die Masse macht’s, also zurück zur Basis. Viel schneller allerdings als Politiker hat der Kölner Sender RTL den Trend erkannt, dass man „mit sozial relevanten Themen“ heute wieder ein großes Publikum in Deutschland findet. Daran tüftelt Tom Sänger in seiner Funktion als „Bereichsleiter Unterhaltung Show & Daytime“ seit rund fünf Jahren und ist heute für gut 50 Prozent des RTL-Programms verantwortlich.

Erst hatte Sänger RTL ein erfolgreiches Gerichtsshow-Konzept beschert. Nach einem ähnlichen Muster lässt er nun pausenlos neuartige TV-Formate für den Tag und am Abend entwickeln. Mal wird die Realität - der Dokumentationsanteil - mit fiktionalen Elementen, die sich an Soaps und Telenovelas orientieren, vermischt, mal wird die Show mit Doku-Anteilen verknüpft. So wird Realität, wie sie beispielsweise bei „Raus aus den Schulden“, „Super-Nanny“ oder „Das Supertalent“ zugrunde liegt, „unterhaltsam“ gemacht. Sänger ist überzeugt: „Unterhaltung ist die Grundfunktion des Fernsehens“, wenn man Quote machen will. Die neuen Formate könne man als „Fernsehen für’s Volk“ bezeichnen: „Wir machen Fernsehen für jeden“. Aber „Fernsehen funktioniert nur, wenn es gesellschaftlich relevante Themen widerspiegelt“, behauptet er.

Beispiel „Bauer sucht Frau“. Sänger entdeckte aus dem Flugzeug heraus riesige Agrarflächen über Deutschland und kam auf den Gedanken, dass manch Bauer wohl „sehr einsam ist“ und gerne eine Frau an seiner Seite hätte. So hat der RTL-Unterhaltungschef Themen wie den „Stadt-Land-Konflikt“, „romantische Vorstellungen vom Leben auf dem Land contra Realität“ und „Landflucht bei den Jugendlichen“ geortet und daraus „Bauer sucht Frau“ gemacht. Zwar warf „Bild“ der Erfolgsserie kürzlich vor zu schwindeln, weil beispielsweise Kandidatin Silke von der Regisseurin aufgefordert worden sei, Bauer Markus zu küssen, wodurch den Zuschauern falsche Gefühle vorgegaukelt worden seien. Doch RTL bezeichnete diese Vorwürfe als falsch. Und dass Szenen aus dem „wahren Leben“ manchmal kameratauglich gemacht werden müssen, indem beispielsweise Kussszenen wiederholt werden, dürfte eigentlich niemanden verwundern.

Als eine Sendung, in der es um „existenzielle gesellschaftliche Probleme“ geht, versteht die Produktionsfirma probono „Raus aus den Schulden“. Im Mittelpunkt steht Schuldnerberater Peter Zwegat, der, wie Formatentwickler und Senior Producer Alexander Simon sagt, „auch ein wenig den guten alten Sozialstaat“ verkörpere: „Jemand, der kommt, jemand, an den man sich wenden kann, jemand, der was macht…“.

Das Problem „in Schulden stecken“ tangiere alle Schichten quer durch die Gesellschaft, - als Realität wie bei 3,5 Millionen Haushalten oder als Angst davor. Dem Vorwurf, dass man mit diesem Format Voyeurismus bediene, hält Simon entgegen, dass dies beispielsweise auch bei einer ARD-Sozialreportage nicht anders sei. Ebenso drehen sich RTL-Sendungen wie „Super Nanny“ oder „6! Setzen“ um gesellschaftliche Themen, Bildung und Erziehung. Bei „Das Supertalent“ werden wie schon bei „Deutschland sucht den Superstar“ das Volk und seine Bürger nach dem aktuellen Internetprinzip „Broadcast Yourself“ mit ihren verschiedensten Talenten in Szene gesetzt, wobei es um „Wettbewerb“ geht, was natürlich im weitesten Sinn auch ein Gesellschaftsthema ist.

„Es sind Themen“, so räumt Sänger ein, „die es schon immer im Fernsehen gab“. Bislang sei man aber nicht „so nahe dran, nicht so mittendrin im gesellschaftlichen Geschehen“ gewesen. Auch habe Fernsehen nicht erst seit dem Beginn der Internetzeit etwas mit Selbstdarstellung zu tun.

Die neuen Doku- und Showformate sind für die Sender auch deutlich preiswerter herzustellen als die früher boomenden, in Deutschland produzierten Fiction-Programme, die wiederum bei RTL und anderswo aktuell durch preiswertere US-Lizenz-Serien wie „Dr. House“ und „CSI“ ausgetauscht worden sind. Ein weiterer Vorteil von Doku- und Showformaten ist, dass sie, hat man die Idee erst einmal auf den Punkt gebracht, viel schneller auf Sendung gehen können als neu produzierte TV-Filme. So kann RTL möglicherweise rascher sowohl auf dynamische Entwicklungen in Politik und Gesellschaft als auch auf miese oder gute Quoten mittels Programmaustausch reagieren. „Beide Kriterien stimmen“, sagt Tom Sänger dazu. Aber beide Kriterien seien „nicht entscheidend dafür, dass man nichts anderes mehr macht“. Wichtiger sei: „Wir erleben zurzeit „eine Renaissance von gesellschaftlichen Themen“.

„Bauer sucht Frau“, heute, 21 Uhr 15; „Die Super-Nanny“, Mittwoch, 20 Uhr 15; „Raus aus den Schulden“, Mittwoch, 21 Uhr 15, alle RTL.

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