Medien : RTL war schneller

Stell’ Dir vor, Saddam wird verhaftet und ARD und ZDF müssen reagieren

Joachim Huber

„We got him.“ Saddam Hussein ist gefasst, der Sonntag hatte seine weltpolitische Sensation. Nicht alle, nicht viele, nur einige werden es bereits am Vormittag erfahren haben. Aber nach Bestätigung gesucht haben. Und kein Beweis ist stärker als ein Bild. Die Bilder kamen später als die Nachricht, nach 13 Uhr, als die Pressekonferenz aus Bagdad übertragen wurde. Erst sagte US-Zivilverwalter Paul Bremer den Satz des Tages, dann wurden die Aufnahmen des Tages gezeigt: der bärtige Saddam Hussein, herausgeholt aus einem Erdloch, untersucht von einem Arzt der US-Armee, später rasiert und vom Aussehen her der bekannte, jetzt gefangengesetzte Diktator seines Volkes.

Ein Sonntag ist für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein Tag der Ruhe, des Programms auf Kassette. Die großen Nachrichten-Maschinen von ARD und ZDF stehen zwar nicht still, doch das Tempo ist dem Stillstand nahe. Die schmale Besetzung der Redaktionen von ARD-aktuell und „heute“ erlaubte – zum wiederholten Male – nicht, rasch und entschlossen die Nachricht des Tages über sparsame Nachrichten und Laufbänder hinaus auf den Bildschirm zu bringen.

Für den Zuschauer ist es beinahe körperlich spürbar und auf jeden Fall im laufenden Programm sichtbar, wie in Hamburg und in Mainz die Redaktionen so allmählich zusammenkommen, wie die „Anchor“-Frauen und -Männer mit großer Sorgfalt zum Bildschirm-Auftritt hochgeschminkt werden. Das Erste zeigte, um seine Blöße zu bedecken, ein überkommenes Porträt von Saddam Hussein, das Zweite verlängerte die „heute“-Nachrichten und deklinierte unbeeindruckt die Wintersportarten durch.

Die Nachrichtenstationen waren auf zack. Der Sender n-tv profitierte erneut von seinem Partnersender CNN: so viele Live-Bilder wie nur greifbar wurden aus dem Irak in die News-Pipeline gepumpt, prompt saß ein Experte im Studio, ein fittes Team baute eine Nachrichtenschleife auf, in die die neusten Informationen eingearbeitet wurden. In Nuancen, jedoch nicht in der Anstrengung anders präsentierte sich die Konkurrenzstation N 24. Phoenix, der Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, kann im Fall des Falles nicht schneller und nicht besser sein als ARD und ZDF. Wer CNN mit Christiane Amanpour oder BBC World eingeschaltete, wird nicht nicht wieder ausgeschaltet haben – „Breaking News“ für den News-Junkie.

Und RTL, der Marktführer im deutschen Fernsehen? Nachdem um 10 Uhr 57 die ersten Agenturberichte über die angebliche Ergreifung Saddams über den Ticker gelaufen waren, meldete sich bereits um 11 Uhr 27 der Anchor Peter Kloeppel aus der RTL- Nachrichtenzentrale mit einer „Breaking News“-Ausgabe. Er konnte auch von Korrespondent Georg von Ehren einen Stimmungsbericht abfragen, der sich live aus Bagdad meldete. Der Reporter arbeitet für den Sender n-tv, bei dem RTL das Sagen hat.

Während ARD und ZDF weiter ihre Kräfte sammelten, beherrschte RTL das Feld. Um 16 Uhr die Sondersendung „Saddam – Die Festnahme“, moderiert von Peter Kloeppel, dem die ebenfalls im Studio anwesende Korrespondentin Antonia Rados Erklärung und Einordnung zulieferte. Dazu kamen aktuelle „Schalten“ nach Berlin und New York.

Je später der Abend, desto präsenter auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Ein Eindruck ließ sich nicht mehr verwischen: ARD und ZDF besitzen die von ihnen betonte Informationskompetenz nach wie vor, die dazugehörige Kompetenz für Schnelligkeit und Aktualität besitzen sie nicht. Die hat die RTL.

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