RTL zieht bei Zuschauern ein : Die Einschaltquote spricht

RTL will mehr über seine Zuschauerinnen erfahren. Redakteure ziehen deshalb gezielt in ihre Nachbarschaft - und chatten mit ihnen täglich bei WhatsApp.

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„Dreht sich jetzt Marion in ihrer Küche um?“. Das RTL-„Punkt 12“-Team um Moderatorin Katja Burkard chattet per WhatsApp täglich mit ausgewählten Zuschauerinnen. Foto: RTL
„Dreht sich jetzt Marion in ihrer Küche um?“. Das RTL-„Punkt 12“-Team um Moderatorin Katja Burkard chattet per WhatsApp täglich...Foto: RTL

Wenn Katja Burkard ihre Moderation vorbereitet, denkt sie an Marion. Marion hat einen Mann, zwei Kinder und einen Minijob, mittags, wenn Burkard mit „Punkt 12“ auf Sendung geht, steht Marion in der Küche, sie schnippelt und köchelt, im Hintergrund läuft der Fernseher – und immer dann, wenn Burkard etwas Spannendes sagt, hält Marion inne und dreht sich zum Fernseher um. Sie ist deshalb zu einer Referenzgröße geworden für Burkard und ihr Team, regelmäßig überprüfen sie die Moderationen und Beiträge regelmäßig auf den Satz: „Würde sich Marion jetzt in ihrer Küche umdrehen?“

Kutz will die Quote zum Reden bringen

Ob Marion das getan hat, können sie nach der Sendung tatsächlich fragen. Denn im Gegensatz zum berühmten Lieschen Müller gibt es Marion wirklich. „Punkt 12“-Redaktionsleiter Volker Kutz hat sie schon zu Hause besucht, sie war in der Redaktion zu Gast und ist Mitglied in der WhatsApp-Gruppe, die Kutz für „Punkt 12“ gegründet hat – denn Kutz will die Quote zum Reden bringen.

„Einschaltquoten sagen nicht, was in der Sendung gut war oder schlecht. Warum die Zahl der Zuschauerinnen bei einem Beitrag nach unten geht und bei anderem nach oben.“ Kutz will aber genau das von der Quote wissen – und bringt sie zum Sprechen, indem er die Menschen dahinter trifft.

In Duisburg-Walsum wohnen typische RTL-Zuschauer

Im Mai hat RTL eine Mitarbeiterwohnung angemietet, in Duisburg-Walsum, einem Viertel, in dem nach Angaben der Marktforschung besonders viele typische RTL-Zuschauer leben. Eine Woche, manchmal 14 Tage zieht ein Redakteur des Kölner Privatsenders in das Zwei-Zimmer-Apartment. Er geht zum Supermarkt, zum Friseur und erfährt nebenbei, was die „Quote“ bewegt. Die Wohnung gehört zu einem Mehrfamilienhaus, abends laden die Redakteure ihre Nachbarn ein, um zusammen Abendbrot zu essen, „RTL aktuell“ zu schauen und zu plaudern, oft gibt es von den Nachbarn Einladungen zu Gegenbesuchen, beispielsweise zum Kegelabend.

Wollte anfangs kaum ein Redakteur in die Wohnung ziehen, gebe es inzwischen eine Warteliste, sagt Kutz. „Repräsentativ sind diese Gespräche sicher alle nicht, aber für uns dennoch unheimlich wertvoll, um den Draht zu unseren Zuschauern zu behalten und uns mit ihnen auf Augenhöhe zu bewegen."

"Plötzlich plant man nicht mehr für eine abstrakte Quote"

RTL belässt es aber nicht bei dieser besonderen Art der Feldforschung. Bereits vor drei Jahren hat Kutz, 46, angefangen, Zuschauerinnen zu Hause zu besuchen, auch Marion in ihrer Küche. Kutz wollte wissen, wo und wie die „Punkt 12“-Zuschauerinnen leben, in welchem Stil sie sich eingerichtet, welche Sorgen und Wünsche sie haben. Und natürlich wollte er wissen, was ihnen an „Punkt 12“ gefällt und was nicht. Deshalb hat er zusammen mit ihnen mittags zu Hause die Sendung geschaut, um zu erfahren, wie sie die Sendung erleben. All das hat Kutz dann gefilmt und die Clips seinen Mitarbeitern in der Kölner Redaktion gezeigt, die aus einer völlig anderen Lebenswelt kommen als die typische „Punkt 12“-Zuschauerin, die eher auf dem Land lebt, 30 bis 49 Jahre alt ist, ein bis zwei Kinder hat, einen Haushalt führt, maximal einen Minijob macht und so wirtschaften muss, dass das eher knappe Geld reicht.

„Sicher wissen wir aus der Medienforschung, wie eine typische ,Punkt 12‘-Zuschauerin lebt. Aber das sind nur Zahlen und Statistiken. Diese Lebenswelt dann aber tatsächlich kennenzulernen bereichert die Redaktion enorm“, sagt Kutz. „Denn plötzlich plant man nicht mehr für die abstrakte Quote, sondern für konkrete Menschen.“

Weil man bei einer Quote aber nun mal schlecht anrufen und sich selbst einladen kann, musste sich Kutz Adressen von Zuschauerinnen besorgen. Angefragt hat er Teilnehmerinnen des „Punkt 12“-Gewinnspiels. Am Ende wollten mehr als 200 Zuschauerinnen mitmachen, unentgeltlich. Sechs von ihnen hat Kutz, der seit 1999 Mitglied der „Punkt 12“-Redaktion ist und diese seit 2012 leitet, dann zu Hause besucht, 15 Zuschauerinnen wurden später in die Redaktion eingeladen. Und seit einem halben Jahr nutzt Kutz noch eine weitere Methode: Er hat mit 20 Zuschauerinnen von „Punkt 12“ eine WhatsApp-Gruppe gegründet, um täglich Feedback zu bekommen von der „Quote“.

Die Sendung soll nah dran sein an der Lebenswelt der Zuschauerinnen

WhatsApp sei das ideale Instrument dafür, weil der Dienst von den Zuschauerinnen ohnehin jeden Tag genutzt werde, um mit Familie und Freunden zu kommunizieren. Und zu diesem Kreis gehört jetzt eben auch „Punkt 12.“ Die Redaktion hat für die Gruppe ein eigenes Handy angeschafft. Wochenweise wechselnd klicken sich die Redakteure in den Chat ein. „Dabei geht es in erster Linie gar nicht darum, über die Sendung selbst zu diskutieren, sondern eher zu erfahren, was die Frauen gerade bewegt“, erzählt Kutz. Aktuell beispielsweise die Erkältungswelle oder Themen rund um Weihnachten.

Durch diesen ständigen Austausch will Kutz erreichen, dass die Sendung immer nah dran ist an der Lebenswelt der Zuschauerinnen. „Oft haben sie eine ganz andere Perspektive auf Themen und dann wissen wir, dass wir eine Geschichte, von der wir in der Redaktion beispielsweise total begeistert waren, erst gar nicht bringen müssen, weil sie unsere Zuschauerinnen gar nicht interessiert.“

Von Duisburg geht's jetzt nach Chemnitz

Neu ist die Idee eines solchen Austauschs mit Zuschauern und auch Lesern sicher nicht, die „Bild“ hat beispielsweise einen „Leserbeirat“, auch andere Redaktionen laden regelmäßig zu Diskussionsrunden ein. Über Leserbriefe, Zuschauertelefone, E-Mails oder soziale Medien wie Facebook oder Twitter gibt es ungefiltertes Feedback – doch ist RTL bisher wohl der einzige Fernsehsender, der den Austausch so institutionalisiert pflegt. Mit dem RTL-Apartment sowie per WhatsApp.

Noch bis Ende des Jahres ist die RTL-Wohnung in Duisburg angemietet, dann wird eine neues Mitarbeiterapartment bezogen, dieses Mal in Chemnitz. Anschließend soll es für die Redakteure in Städte nach Nord- und Süddeutschland gehen. Auch die Chatgruppe wird weitergeführt, inzwischen sei aus den Mitgliedern ein Freundeskreis entstanden, in dem man sich selbstverständlich duzt und alle Höhen und Tiefen des Lebens teilt, selbst Ultraschallbilder würden herumgeschickt, erzählt Kutz. Und RTL erfahre nebenbei, was gerade die großen Themen sind.

Wenn Kutz mit seinen Kollegen an diesem Montag die neue Sendewoche plant, denkt er deshalb auch wieder an Marion in ihrer Küche – und daran, was sie zum Aufschauen vom Kochtopf bewegt.

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