RTL-Zweiteiler : Du sollst nicht kopieren

Der RTL-Zweiteiler "Das jüngste Gericht" erinnert an erfolgreiche US-Thriller. Die genau Umsetzung der Konventionen erweist sich allerdings als Verhängnis des Films.

Verena Friederike Hasel
Gericht
Gerichtsmediziner Schütte (Markus Hering) untersucht eines der Mordopfer, das auf brutalste Art und Weise umgebracht wurde. -Foto: RTL

Wertpapiere kennen keinen Sonntag, und so geht der Investmentbanker auch an diesem Tag ins Büro. Stunden später ist er tot, aus seinem Mund quellen Münzen, sein Magen ist voll von ihnen. Auf dem Bildschirm seines Computers prangt die Zahl Drei, dutzende Male, ein Verweis auf das dritte Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen. Der Mann, der selbst am Sonntag arbeiten ging, ist an seinem Geld erstickt.

In dem Zweiteiler „Das jüngste Gericht“, den RTL heute und morgen Abend zeigt, sind die Zehn Gebote das Arbeitswerkzeug eines Wiener Serienmörders. Wer gegen sie verstößt, den richtet er hin, den Banker genauso wie den Dieb, dem er die Finger abhackt. Am Tatort hinterlässt der Mörder stets eine Zahl für die Polizisten. Doch bis seine Jäger sie zu lesen vermögen, vergeht einige Zeit, zumal sich die Ermittler Thomas Dorn (Tobias Moretti) und Toni Peters (Christoph Waltz) selten einig sind – bis auf ihr Interesse an der neuen Kollegin, der Profilerin Monika Faber (Silke Bodenbender).

Mit dem Thriller „Das jüngste Gericht“ liefert Regisseur Urs Egger ein eindeutiges Genrewerk ab. Gleich in einer der ersten Einstellungen sieht der Zuschauer eine dunkle Gestalt – offenbar den Täter. Er trägt eine schwarze Kutte, tief ins Gesicht gezogen, und wäscht sich die Hände. Die Kamera weicht zurück, hinter Gestänge in Form von Kreuzen, wandert wieder nach vorne. Der Mörder trocknet sich mit einem weißen Tuch die Hände ab, steigt dann aus dem Keller hinauf zu den Menschen.

Solche Symbolik ist typisch für den Thriller, ist er doch das moralischste aller Genres. Er teilt die Welt in eine Tag- und eine Nachtwelt, in Gut und Böse, doch manchmal schwappt die Nacht in den Tag hinein; sie zurückzudrängen, ist dann die Aufgabe des Protagonisten. Und kaum versucht er das, wird der Thriller zum therapeutischsten Filmgenre. Der Held muss nämlich, so lautet eine weitere Konvention, selbst schon einmal auf der dunklen Seite gewesen sein – ein Erlebnis, das er eigentlich verdrängen will, dem er sich im Kampf gegen das Böse aber stellen muss.

Auch hier ist der RTL-Film genretreu, sein Protagonist Dorn ist mit einem Trauma versehen, dem er im Laufe der Ermittlungen immer weniger entkommen kann. Die genaue Umsetzung der Konventionen erweist sich als Verhängnis des Films. Fast wirkt er schon wie eine Parodie seines Genres, gerade bei der Figur des Dorn. Er ist geschieden, natürlich. Seine Sakkos sind grundsätzlich zerknittert, und abends geht er in einen zwielichtigen Laden, wo ihm die Prostituierte dann durchs Haar streicht und besorgte Worte spricht – dass man ihm trotzdem gern zusieht, liegt allein am Können des Tobias Moretti.

Vielleicht hätte es dem Film gutgetan, wenn seine Macher weniger nach Amerika geschielt hätten. Die Ähnlichkeit des Zweiteilers mit dem US-Film „Seven“, der das Thrillergenre erst so bekannt machte, ist zumindest verblüffend groß: Dort mordet der Killer Menschen, die Todsünden begangen haben, und schreibt in Blut ihre Verfehlungen an die Wände des Tatorts, „Hochmut“ zum Beispiel.

Dem Kinofilm „Sin City“ sind die grafischen Elemente des RTL-Films entlehnt. Wirklich gut ist er nur, wo er etwas eigenes probiert, spezifischer wird: Eine Einstellung zeigt zum Beispiel einen muslimischen Verein; ein Mann liest gerade „Hürriyet“, da stürmen Dorn und seine Leute herein, weil sie anfangs vermuten, dass der gesuchte Mann ein muslimischer Extremist ist. Solche Szenen geben einem Genre erst Bodenhaftung, verorten es in einer Zeit und geben ihm die Relevanz, die es braucht. Und an ihnen fehlt es in diesem Thriller in zwei Teilen.

„Das jüngste Gericht“, RTL; Teil 1: heute um 20 Uhr 15, Teil 2: Montag, um 20 Uhr 15

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