Medien : Rückkehr Ost

Deutsch-deutsche Klischees in „Kleine Schwester“

Simone Schellhammer

Dieser Film ist ein kleines Wunder: Er fährt sämtliche deutsch-deutschen Klischees auf und füllt seine Figuren dennoch randvoll mit Leben. In „Kleine Schwestern“ kehrt die Bundesgrenzschutzbeamtin Kathrin (Maria Simon) mit ihrem Freund und Vorgesetzten Ulf (Benno Fürmann) nach vier Jahren Dienst in Westdeutschland in ihre sächsische Heimat zurück. Ihre neue Arbeitsstätte betrachten die beiden nur als Übergangsstation für die künftige gemeinsame Karriere in der Bundeshauptstadt.

Die beiden stoßen in dem kleinen Ort Niederschlag an der sächsisch-tschechischen Grenze auf Menschen wie den BGS-Beamten Herbert (Uwe Kockisch), der dem jung-dynamischen Team verbittert und feindselig begegnet, und Kathrins Halbschwester Romy (Esther Zimmering), die als psychisch irrlichterndes Mädchen das aufgeräumte Leben des Paares durcheinander bringt. Kathrin fühlt sich zu ihrer kleinen Schwester hingezogen und versucht, sie vom Einfluss eines deutschtümelnden Nazi-Rockmusikers zu befreien. Michael Gwisdek spielt den Vater als kumpeligen Rassisten, der sich auf seiner heruntergekommenen Straußenfarm den Tod sämtlicher Zigeuner wünscht. Die Typen entstammen nicht nur der Fantasie des Drehbuchautors Nanouk C. Wilmer, sondern verschiedenen Recherchereisen, die er zusammen mit Produzent Christian Ganderath („Die Polizistin“) im sächsischen Grenzgebiet unternahm. „Das Leben schwelgt in Klischees und Unglaubwürdigkeiten“, sagt Wilmer. „Und es wäre – gerade für einen aus dem Westen – leicht, solche Klischees noch weiter aufzublasen und sie zu einem Berg leiser Verachtung und Denunziation aufzuschichten. Das gerade wollte ich nicht.“

Tatsächlich gelingt ihm eine erstaunliche Mischung aus Liebesgeschichte, gesellschaftskritischem Krimi und Familiendrama, die Zärtlich-Einfühlsames mit zum Teil skurrilem Humor verbindet. Etwa wenn Kathrin und Ulf, die in ihrem Fahrraddress wie zwei Außerirdische aussehen, auf einem tschechischen Trödelmarkt schwarz gepresste CDs und Sexspielzeug begutachten oder Romys Neonazi-Freund, „eine Art Vegetarier“, nur Lebensmittel aus Deutschland isst.

Jeder der Schauspieler liefert in diesem Film unter der Führung der österreichischen Nachwuchsregisseurin Sabine Derflinger („Vollgas“) kleine Meisterstücke ab. Allen voran Maria Simon, die eine junge Frau spielt, der im wahrsten Wortsinne mit dem Holzhammer klar gemacht werden muss, dass sie nicht wirklich glücklich ist.

Wie für die Filmheldin war „Kleine Schwester“ auch für die Schauspielerin eine Art Rückkehr in die Heimat. Denn bis zu ihrem 14. Lebensjahr wohnte Simon in Leipzig, später in New York, heute lebt sie meist in Berlin. Ein Highlight ist Uwe Kockisch, der als alternder Provinzostler vom fiesen Kotzbrocken zum warmherzigen Freund mutiert. Und ebenso überraschend ist das mutige Ende, bei dem Kathrin auf Umwegen zu sich selbst und ihren Gefühlen findet.

„Kleine Schwester“, ZDF, 20 Uhr 15

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