Medien : Ruhe, bitte!

Die Fußball-EM und ihre Kommentatoren: Denn sie wissen nicht, was sie uns antun

Norbert Thomma

Tinnitus ist eine Plage – dieses ständige „Zirpen, Zischen, Brummen oder Klingeln im Kopf“ („Spiegel“). Hunderttausende Bundesbürger versuchen es mit Infusionen, Pillen, Akupunktur – vergebens. Fußballkommentatoren sind wie Tinnitus. Sie schleichen sich ins Ohr und quälen uns Zuschauer. Nichts hilft. Wer auf die Geräusche im Stadion nicht verzichten will, ist den Stimmen von BeckmannKernerRethySimon ausgeliefert.

30 Spiele der Europameisterschaft lang ging das so, das heutige Finale in Lissabon gehört Bela Rethy vom ZDF. Wer wie ich 24 Spiele dieser EM gesehen hat, alle in Gesellschaft, der weiß: Die Ablehnung eines Kommentators ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Einigkeit ist bestenfalls in einem Punkt zu erzielen: Steffen Simon hat von Fußball keine Ahnung, dieser Sport interessiert ihn offensichtlich nicht. Ansonsten hat Neil Postman Unrecht. Wir amüsieren uns nicht zu Tode, wir werden zu Tode gequatscht.

Vielleicht darf man die Kommentatoren einmal an eine Banalität erinnern: Zuschauer haben Augen im Kopf. Sie sehen, dass Figo von rechts flankt. Sie sehen, dass der Schuss von Rosicky an den Pfosten knallt. Das muss einem – bitte! – nicht andauernd gesagt werden. Auch dieses ständige Emotionalisieren, diese gekünstelte Emphase von den beiden Herren ..., na ja, Sie wissen schon.

Man muss das nur mal auf die Oper übertragen. Angenommen, der Sender Arte zeigt Puccinis „Tosca“, die steht im 3. Akt auf der Engelsburg, sie hofft auf die Rettung ihres Geliebten, sie singt: „Schon geht die Sonne auf ... Warum zögern sie noch? Es ist eine Komödie, ich weiß ...“ Und mitten in die Arie hinein würde ein BeckmannKernerRethySimon brüllen: „Aaaah, jetzt tritt das Drama in die entscheidende Phase! Wird Tosca springen? Uuuuh, was für ein Gänsehaut-Feeling. Superstimme, die Tosca. Wussten Sie eigentlich, liebe Zuschauer, die Engelsburg ist ursprünglich ein Grabbau für Kaiser Hadrian ...“ Undsoweiter. Und Tosca singt gegen den Kommentator an : „Aber diese Angst scheint – endlos!“

Geht nicht, ja? So etwas will keiner. Aber so ist Fußball heute im Fernsehen. Was den Tinnitus angeht, rät der „Spiegel“ übrigens: „ignorieren.“ Dadurch veschwinde das Geräusch zwar nicht, „aber es lässt sich damit leben“. Dieser Trick funktioniert auch mit nervenden Kommentatoren.

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