Ruhrpott-Tatort : Kein Kommissar geht um

Kiel, Ludwigshafen, Konstanz, überall gibt es „Tatort“-Krimis. Nur nicht mehr in Duisburg oder Essen. Warum eigentlich?

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Zwei Kölner Kommissare - ausnahmsweise mal in Essen.Foto: WDR

Da liegt sie nun, die schöne Leiche: der Ruhrpott-Krimi. Eigentlich ein perfekter Mord, wie geschaffen für einen spannenden „Tatort“-Krimi. Denn niemand weiß so ganz genau, warum ausgerechnet der Ruhrpott, ein Gebiet mit rund fünf Millionen Einwohnern, Deutschlands Reihenkrimi Nummer eins abhanden gekommen ist. Dortmund, Gelsenkirchen, Essen, Herne, Bochum, Duisburg, auch in der Fläche ist das alles deutlich größer als Berlin. Aber in der sonst so vielfältigen „Tatort“-Landschaft, in der sogar Städte wie Kiel, Ludwigshafen, Münster oder Konstanz einen Platz gefunden haben, ist der Ruhrpott ein weißer Fleck. Daran ändert auch der Dienstausflug nach Essen nichts, den die beiden Kölner Kommissare Ballauf und Schenk im „Tatort“ am Sonntag unternehmen.

Doch zunächst: eine Zeitreise. Der Essener „Tatort“. Wer erinnert sich nicht an Hansjörg Felmy, der in 20 „Tatort“-Episoden von 1974 bis 1980 den Kommissar Heinz Haferkamp verkörperte. Felmy nahm in der Beliebtheitsskala der „Tatort“-Kommissare aus Anlass des 700. ARD–Krimis 2008 den dritten Platz ein, obwohl sein letzter Auftritt fast drei Jahrzehnte zurücklag. Auch wenn hier die Momente, in denen sich das Ruhrgebiet als Industriestandort und Arbeiterstadt definierte, überschaubar blieben, Haferkamp-Krimis vor allem die seelische Not der Mittelstandsdeutschen in ihren verdächtig weiß verputzten Eigenheimen einfingen, wie es der Medienwissenschaftler Eike Wenzel einmal beschrieb – der Ruhrpott hatte damals zumindest noch eine Identität, eine regionale Besonderheit, die auch im „Tatort“ zum Ausdruck kommen konnte.

Das Gleiche gilt noch für Kommissar Schimanski alias Götz George. Haferkamps legitimer Nachfolger im Ruhrpott-„Tatort“ warf sich in 29 Krimis von 1981 bis 1991 zwischen Duisburger Hochöfen, Hafen-Kränen, Kneipen und Bahngelände. Zig Bilderbögen, eine Zechenschließung nach der anderen, mehr Industrie-Romantik ging nicht, ungebrochen. Doch schon in „Schönes Wochenende“, der letzten Folge der Haferkamp-Ära, stellte sich die Industriearchitektur des Ruhrgebiets im „Tatort“ als ein verlassenes, von der Apokalypse heimgesuchtes Ruinenfeld, dar.

Dann kam der Strukturwandel. Zechentürme gibt’s fast nur noch im Museum. Offenbar fällt den Autoren dazu nicht viel ein, sagt Adolf Winkelmann. Der Filmemacher, („Die Abfahrer“, „Nordkurve“, „Contergan“), 63, kennt das Gebiet wie kein anderer, bereitet für das Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 eine filmische Installation an der Dortmunder Union-Brauerei vor. „,Tatort’-Koordinator Gebhard Henke sagt mir immer: ,Wenn du einen Ruhrpott-Stoff hast, gib ihn her.’ Das Ruhrgebiet steckt in einer so tiefen Identitätskrise, dass keiner einem mehr sagen kann: Was ist das eigentlich, dieses Ruhrgebiet?“ Eigentlich sei das Ruhrgebiet eine einzige große Stadt, aber die Menschen, die hier leben, fühlten sich nicht so. Selbst die Dortmunder sagten nicht, sie seien aus Dortmund, sondern aus Hörde, Eving oder Wambel. Die hätten so eine Dorfstruktur im Kopf, „wenn man ernsthaft mit ihnen spricht.“

Ein ernsthafter Dortmunder ist auch TV-Produzent Friedrich Küppersbusch. Ist der Bildhintergrund für einen „Tatort“ in Essen, Duisburg, Dortmund oder gar Hannover austauschbar geworden? „In Dortmund zeige ich Ihnen heute schneller drei nationale Versicherungskonzerne als eine Zeche. Essen, Bochum, Duisburg, Industriebrache, Autobahn, große Universität, Stadtteile mit Deutsch als erster Fremdsprache. Der Taubenvatta-Pilsken-Kumpel-Pott, wenn er so je existiert hat, ist tot und kam bei ,Schimmi‘ schon nicht mehr vor. Im Gegenteil, der war als auch gebrochene Figur Avantgarde und mal ehrlich: Avantgarde zitiert sich nicht selbst.“ Das Ruhrgebiet hat fünf Millionen Ein- und ein paar Millionen Anwohner und ist die größte Stadt Deutschlands. Ein Krimi, der da à la „Tatort“ nur aus einer Ruhrgebiets-Gemeinde käme, so Küppersbusch, würde das stärkste Sujet dieser Region wegschmeißen. „Nur unser Geld und die Schwerstkriminalität sind outgesourct, die nennen wir hier ,Düsseldorf’“.

Im Ernst. Gebhard Henke, beim WDR Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, würde schon gerne mehr Ruhrpott-Krimi machen, kann aber nicht. „Wir haben drei bis vier Mal im Jahr den Kölner ,Tatort’, zwei mal die Münsteraner.“ Die ARD hat auch 2010 nur Platz für 34 neue „Tatort“-Folgen. Identifikationsangebote für die Region und die Zuschauer allüberall. Nur eben nicht im Ruhrpott. Außer Schimanski, der seit 1997 eine eigene Reihe mit bislang 15 Filmen hat. 2011 soll ein neuer „Schimanski“ ausgestrahlt werden. „Immerhin“, sagt Henke, „kommt einer unserer Kölner ,Tatort’-Kommissare, Dietmar Bär, aus dem Ruhrgebiet.“

Das Ruhrgebiet – Terra incognita im Film also. Das zeigt auch der neue Kölner „Tatort“. Die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ermitteln in Essen. Passend zur Eröffnung der Kulturhauptstadt an diesem Wochenende werden Baldeneysee, Zeche Zollverein, vor allem aber weiträumige Bürogebäude in Szene gesetzt. Nicht zwischen Zechentürmen und Kohlehalden liegt die Leiche, wie früher bei Schimanski, sondern im Luxus-Hotel. Leider haben sich die Autoren eine leidlich spannende Geschichte um Ballauf einfallen lassen, den „Kölsche Jung“, der bei einem Klassentreffen in seiner alten Heimat Essen unter Mordverdacht gerät und den sein Kumpel Freddy Schenk und eine ziemlich überzeichnete Essener Kommissarin (Angelika Bartsch) raushauen müssen. Schade, aus dem Thema Korruption bei der Ruhr.2010-Stiftung wäre mehr herauszuholen gewesen. Und jetzt hört im ZDF auch noch „Kommissar Lutter“ auf, der letzte Essener TV-Ermittler. Sein Darsteller Joachim Krol wird „Tatort“-Kommissar. In Frankfurt.

Bleibt die Hoffnung auf mehr Leichen im Ruhrgebiet. Gerne mit Ruhrpott-Klischees. Um es mit Küppersbusch zu sagen: „Könnse alles haben, zeigen wir gerne her, gegen Aufpreis folklorieren wir auch was vom anthrazitgrauen Himmel und wie wir zum Frühstück Lunge kotzen. Hauptsache, Schwabing bleibt uns vom Hals und die Mieten bezahlbar.“

„Tatort – Klassentreffen“, ARD, Sonntag 20 Uhr 15. Für Haferkamp-Fans läuft am Mittwoch, 13.01., im WDR (22 Uhr 50) eine Wiederholung der alten „Tatort“-Folge: „Acht Jahre später“.

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