RUSSISCHES FERNSEHEN : Patriotisch gefärbt

Geschichte wird gemacht: Neue Filme verschönern Russlands Historie

Elke Windisch[Moskau]
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Russisches Heldenepos, hier noch schwarz-weiß. In „17 Augenblicke des Frühlings“ wirbt der falsche Nazi Max-Otto von Stirlitz...

Früher trieben Heldinnen und Helden von Seifenopern gleich nach dem Gute-Nacht-Gruß für russische Kids um 21 Uhr ihr Unwesen beim Staatssender RTR. Inzwischen haben den Prime-Time-Sendeplatz Männer von anderem Schrot und Korn erobert: Lichtgestalten der russischen und der sowjetischen Geschichte. Die Heldenepen sollen eine jüngst von Präsident Dmitri Medwedew eingesetzte Kommission dabei unterstützen, Versuche der Geschichtsklitterung „zum Schaden Russlands“ zu verhindern. Die Kommission ist bei Historikern und bei Intellektuellen heftig umstritten. Noch umstrittener sind die Filme, die der Nation bei einer politisch korrekten Bewertung der eigenen Vergangenheit helfen sollen: Aufwendig gedrehte Dokumentationen und Spielfilme mit hehrem Anspruch, aber von zweifelhafter Qualität.

Ehepartner verkrachten sich hoffnungslos, alte Freunde reden nicht mehr miteinander, selbst Börsianer und Beamte stritten Anfang Mai am Arbeitsplatz und nicht nur dort statt über Anlagestrategien oder Durchführungsbestimmungen über einen Film: den Kultklassiker „17 Augenblicke des Frühlings“. Der Mehrteiler erzählt die Geschichte des Standartenführers Max-Otto von Stirlitz, der in Wahrheit Maxim Isajew heißt, dem KGB im Rang eines Obristen dient und von der Sowjetunion in Hitlers Reichssicherheitsamt als Maulwurf eingeschleust wurde. Dort gelingt es ihm im Frühjahr 1945, einen gegen Moskau gerichteten Separatfrieden Hitler-Deutschlands mit den Westmächten zu vereiteln.

1974 in Schwarz-Weiß gedreht, beglückte Russlands Staatsfernsehen seine Zuschauer pünktlich zum 64. Jahrestag des Sieges am 9. Mai mit einer kolorierten Version. Und spaltete die Nation damit in zwei Lager. Die einen waren hingerissen, andere empört. Viele sprachen von Leichenfledderei. Auf den ersten Blick kommt der Film so modern daher, als sei gestern die letzte Klappe gefallen, auf den zweiten outet er sich als Untoter aus einer Epoche mit völlig anderer Ästhetik.

Zusätzlich befeuerte den Streit, dass die Macher sich offenbar auch an den Original-Dialogen vergriffen und dabei sogar Stalin zensiert hatten. Der, meint die Mehrheit, habe in der Urfassung „Sowjetunion“ gesagt. Nicht „Russland“ wie in der neuen Version. Habe er doch, meint eine Minderheit. Weil Stalin bei den fraglichen Stellen im Off – also nicht im Bild sichtbar – spricht, warten beide Seiten mit Spannung auf die Fortsetzung im Herbst. Auf einen Mehrteiler, bei dem es um die Vorbereitung von KGB-Kundschafter Isajew für die Mission im Feindesland geht.

Auch bei anderen Werken dieser Art haben die Autoren oft ein gestörtes Verhältnis zu Fakten, die Russland in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen könnten. Sowohl bei einer Dokumentation zu einem missglückten Anschlag auf Stalin 1944 als auch bei Spielfilmen, die sich an Themen der älteren russischen Geschichte versuchen. Die Macher hätten Negatives weitgehend glatt gebügelt und seien dabei weit über das hinausgegangen, was durch künstlerische Freiheit gedeckt ist, meinen selbst loyale Geschichtswissenschaftler. Darunter auch Nikolai Swanidse, der beim Staatssender RTR historische Filme betreut.

Durch einige der fragwürdigen Werke fühlen sich auch Russlands Nachbarn angegriffen. So untersagte Kiew die Aufführung einer Verfilmung von Nikolai Gogols „Taras Bulba“. Dort geht es um das Gerangel zwischen Russland und Polen um die Ukraine, die aus Sicht der dortigen Bevölkerung Mitte des 17. Jahrhunderts endgültig unter den Stiefel Moskaus kam. Der russische Film macht daraus eine Befreiung und feiert die Rückkehr zum orthodoxen Glauben. Aufgeregt hatten sich darüber auch Politiker und katholische Kleriker in Warschau. Dort war Moskau zuvor schon mit einem historisch unkorrekten Film über die Vertreibung polnischer und litauischer Okkupanten aus dem Kreml Anfang des 17. Jahrhunderts angeeckt.

Jetzt droht auch Ungemach mit den Tataren, in Russland zweitgrößte Volksgruppe. Deren Kleinstaaten hatte Iwan der Schreckliche im 16. Jahrhundert dem Erdboden gleichgemacht, um die russischen Fürstentümer zu einigen und den Weg für die Eroberung des Nordkaukasus frei zu machen. Ein ihm gewidmeter Film in 15 Teilen verherrlichte beides jüngst in bewusster Verkennung der Realitäten als Sieg der Zivilisation über primitive Barbaren und überlässt die Beweisführung dazu russischen Kanonen, die auf Bogenschützen feuern. Gewalt lief Geschichte in diesem Film auch sonst den Rang ab, mit Szenen von großer Brutalität. So ließ der junge Iwan seinen Regenten von hungrigen Jagdhunden zerfleischen. Wer wollte, konnte sich mehrere Minuten daran aufgeilen. Die meisten wollten offenbar nicht. Zum fraglichen Zeitpunkt wurden, wie vom Moskauer Wasserwerk zu erfahren war, in über 70 Prozent aller Haushalte die Klospülungen betätigt.

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