Medien : "Russkij Berlin": Katastrophen und Kapitalismus

Kerstin Kohlenberg

Am Anfang war ein Keller, dann kam ein Hinterhaus, und wenn ihre Zeitung weiter so wächst, wie sich das Dimitrij und Boris Feldmann vorstellen, dann wird bald ein Platz im Vorderhaus nötig werden. Denn ihre Zeitung "Russkij Berlin" ist vier Jahre nach der Gründung die größte russischsprachige Wochenzeitung Berlins.

Vor zehn Jahren kamen die Brüder Feldmann aus Riga in Lettland nach Ost-Berlin. Dimitrij war 25 Jahre und Bauingenieur, sein Bruder 32 und Journalist. In Riga besaßen sie eine kleine Werbeagentur, davor arbeiteten beide bei der Zeitung "Sowjetische Jugend". "Man kann sagen, dass die beiden in Riga, mit dem Kommunismus im Rücken, die puren Demokraten waren", sagt Wladimir Kaminer, der gemeinsam mit den Feldmann-Brüdern nach Ost-Berlin gegangen war und nun, neben einigen deutschen Zeitungen, auch für "Russkij Berlin" schreibt.

Demokraten sind die Feldmanns auch in Berlin geblieben. Vor dem Hintergrund der deutschen Demokratie wirkt ihr Standpunkt und der ihrer Zeitung eher konservativ. Ein Standpunkt, den sie mit den meisten älteren Russen in Deutschland teilen. "Die Russen sind eben einen starken Staat gewöhnt", sagt Kaminer. "Im Westen angekommen, haben sie jeden Tag das Gefühl, morgen bricht alles zusammen. Sie haben eine Wahnsinnsangst vor Anarchie. Was diese Menschen verbindet, ist so eine Art Katastrophengefühl."

Dieses Gefühls nimmt sich die Zeitung an. In der aktuellen Ausgabe ist der Aufmacher eine Geschichte mit dem Titel: "Kauft Deutschland Kaliningrad für 60 Milliarden Mark?" Dazu ist ein Bild zu sehen, auf dem Männer vor ihrem Haus im Schnee Holz sägen. Eine Bildunterschrift fehlt. Es folgen Nachrichten der letzten zwei Wochen: das Schröder-Fahndungsplakat, der Spendenausschuss und Kohl, die Uranmunition. Auf den Berlin-Seiten gibt es russische Veranstaltungstipps, und auf den hinteren Seiten stehen zwei Geschichten über russische Wunderkinder sowie die russische Sänger- und Schauspielerlegende Wladimir Wysotzky. Geschichten, die das gute alte Russlandgefühl aufleben lassen.

Für das schlechte neue Kapitalismusgefühl gibt es eine regelmäßige Seite über Kriminalität - stets mit dem warnenden Tenor, dass nur härtere Strafen die Ordnung garantieren könnten. In der neuesten Ausgabe steht ein Text über die erste Wählergemeinschaft russischer Aussiedler in Hannover. Überschrift: "Wir haben es satt, uns als Menschen dritter Klasse zu fühlen." Wichtigste Beilage sind ein Rätselheft und das Programm der russischen Fernsehsender.

Für den in Berlin lebenden russischen Schriftsteller Friedrich Gorenstein ist "Russkij Berlin" einfach eine miserable Zeitung ohne Kultur. Für Wladimir Kaminer dagegen ist es eine Zeitung für die 50-jährigen, in der Regel arbeitslosen Russen, die reichlich Stoff haben wollen, um sich zu ärgern: "Auch die haben das Recht auf eine Zeitung." Und außerdem, so Kaminer, haben Feldmanns viele Arbeitsplätze für Russen geschaffen.

In Berlin, rechnet Dimitrij Feldmann vor, gibt es 100 000 potenzielle Leser. 30 000 russische Juden, die in der Regel gut ausgebildet sind, der Rest Spätaussiedler mit deutschem Pass, russischer Sprache und schlechter Ausbildung. In ganz Deutschland sind es entsprechend mehr. Deshalb hat Feldmann den Ableger "Russkaja Germanija" für ganz Deutschland und 1999 "Rheinskaja Gazeta" für das Rhein-Ruhrgebiet gegründet. Ihr Ziel: "Russkij Berlin" soll eine Tageszeitung werden.

Mit vier Leuten haben Feldmanns vor fünf Jahren angefangen. Boris, der Journalist, wurde Chefredakteur und Dimitrij Geschäftsführer. Mittlerweile beschäftigen die beiden 30 Mitarbeiter in Berlin, einen in München und Lübeck und fünf in Düsseldorf. Der Preis ist auf 2,20 DM gestiegen, der Umfang von zwölf auf 32 Seiten. Die Auflage klettert ebenfalls ständig: Alle drei Zeitungen zusammen kommen auf 84 000 Exemplare. Die jungen Russen erreichen die Feldmanns mit ihrer Zeitung jedoch nicht. Die lesen laut Kaminer lieber englische oder deutsche Zeitungen. Im März bringt der Verlag deshalb ein deutschsprachiges Monatsheft heraus, den "Russland Insider Reporter". Ein Heft, das ausschließlich über Russland berichtet und daher wohl eher Arbeitsplätze für, als Leser unter den Russen schafft.

Feldmanns beschränken sich aber nicht auf Zeitungen. "Wir wollen ein ganz normales Geschäft aufbauen", sagt Dimitrij. Ein russisches Geschäft. Vergangenes Jahr haben sie sich um eine Radiofrequenz beworben, die dann das FAZ.Radio bekam. Im Moment überlegen sie, ein russisches Wählerbündnis zu gründen, um in Zukunft mal an eine russische Partei denken zu können.

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