Medien : Sabans Mann für Schönheitskorrekturen

Mit Skalpell und Dampfhammer: Wie Senderchef Dejan Jocic bei Pro 7 ans Werk geht

Simon Feldmer

Große Sprüche sind nicht sein Ding. Trotzdem hat es Fernsehmanager Dejan Jocic mit nur 31 Jahren ziemlich weit nach vorn geschafft: nämlich in die erste Reihe des Spielfilm- und Popstars-Senders Pro 7, dessen Chef er seit einem halben Jahr ist. Dass man auch ohne Selbstdarsteller-Gen Durchsetzungsstärke zeigen kann, bewies Jocic vor vier Wochen, als er mit „Hire or Fire“ – nicht mal vierundzwanzig Stunden nach der quotenarmen Premiere – einen groß angekündigten Hoffnungsträger der aktuellen TV-Saison kurzerhand aus dem Programm schmiss. In der letzten Woche überraschte Pro 7 mit Michael Moores Anti-Bush-Film „Fahrenheit 9/11“. Und auch diese Woche könnte es wieder spannend werden. Denn am Dienstagabend, gleich nach „Sex and the City“, wagt sich Pro 7 ein weiteres Mal an ein Format, das in den USA ein fetter Quotenhit war. „The Swan – endlich schön!“ nennt sich die noble Containershow, die sich um das allseits beliebte Thema Schönheits- operationen dreht. Nach dem „Hire or Fire“-Desaster ist die Spannung groß, ob die deutschen Fernsehzuschauer diesen US-Import lieber mögen als den vorherigen – oder ob Jocic wieder in Rekordzeit den Dampfhammer auspacken muss.

Zum Interviewtermin im fensterlosen Besprechungszimmer der Pro-7-Geschäftsleitung trifft er ein wenig zu spät ein. Dejan Jocic kommt direkt aus dem Büro des Vorstandsvorsitzenden der ProSiebenSat1-Gruppe Guillaume de Posch. Böse Stimmen sagen ja, die neue Konzern-Führung habe nach dem Einstieg von Haim Saban ganz bewusst einen Jungspund auf den Sender-Thron gehoben, um sich möglichst oft mit ihm zusammenzusetzen. Anders formuliert: damit der lange Saban-Arm aus Los Angeles auch problemlos aufs Tagesgeschäft zugreifen könne. Aber Jocic, groß gewachsen und im unaufdringlichen Nadelstreifenanzug, kommentiert das Arbeitsverhältnis zu seinen Vorgesetzten ganz nüchtern: „Wir versuchen uns zusammen mit Sat 1 clever aufzustellen. Und das besprechen wir in einem üblichen Rahmen mit dem Vorstand. Alles ganz normal.“ Das gelte auch für seinen Kontakt zu Big Boss Haim Saban. Da werde ab und zu telefoniert oder gemailt. Aber senderrelevante Entscheidungen würden selbstverständlich im Team bei Pro 7 getroffen.

Telefonieren und Teamplay – Jocic bringt das so nett rüber, dass man ihm die geschäftsmäßig heile Pro 7-Welt fast abnehmen möchte. Und auch auf die Frage, ob er keine Bauchschmerzen verspüre, wenn er mit der neuen Schnippel-Show ein ethisch doch fragwürdiges Format ins Programm nehme, findet er freundliche Allgemeinplätze: „Natürlich sind wir uns der Sensibilität dieses Themas bewusst und werden verantwortungsvoll damit umgehen.“ Politiker und Medienkritiker sahen das freilich anders, als die Sendung im Sommer angekündigt wurde. Und natürlich ließe sich über Sinn – und vor allem Unsinn – der neun „The Swan“-Folgen diskutieren, für die sich sechzehn Frauen zwischen 25 und 40 Jahren seit einigen Wochen in einem Hotel in der Nähe von Köln einsperren lassen, um mit Hilfe von Busen-, Nasen-, so genannten Oralchirurgen sowie Fitness-Trainern und Psychologen ihren Typ zu optimieren. Dass die Folgen von der Fachfrau Verona Pooth moderiert und nicht live vom Operationstisch kommen, sondern sich eher mit dem Umfeld und den Motiven der Kandidatinnen beschäftigen, ist eher ein schwacher Trost.

Ist es diese sanfte Bestimmtheit, die dem jungdynamischen Fernsehmanager den Weg in die Liga der großen Fernsehbosse geebnet hat? Man könnte es sich jetzt einfach machen und sagen, der gebürtige Reutlinger Jocic, dessen Großeltern aus Ex-Jugoslawien stammen, war eben zufällig oft genug am richtigen Fleck. So wie im Allgemeinen Blitzkarrieren erklärt werden. Man kann aber auch sagen, Jocic hat seine Ziele früh und konsequent angesteuert. Auf zwölf Jahre Privatfernsehen, hauptsächlich in der früheren Kirch-Gruppe, kann der studierte BWLer verweisen und von sich sagen. „Ich bin es seit acht, neun Jahren gewohnt, in Führungspositionen mit Leuten zusammenzuarbeiten, die älter sind als ich. Da habe ich keine Probleme, mich zu behaupten.“

Und auch wenn Jocic, der zweifache Familienvater, der jeden Morgen seinen Sohn in die Kinderkrippe bringt, in der Konsolidierungsphase der Fernseh-AG vor allem als resoluter Sanierer von sich Reden gemacht hat, lässt sich seinen Mitarbeitern nur Positives über ihn entlocken: „Er ist ein ruhiger Typ, der sich die Dinge anschaut, bevor er entscheidet“, lobt ihn eine Mitarbeiterin, die auch die Anfangsjahre bei Pro 7 unter dem heutigen Premiere-Chef Georg Kofler miterlebt hat, bei dem das durchaus anders gewesen sein soll.

Doch die intern gute Sympathie-Quote kann Jocic auch nicht helfen, wenn ihm draußen im Markt starker Gegenwind ins Gesicht bläst. Viele Kritiker sehen das Senderimage einer durchaus angesehenen Marke in der jüngeren Zielgruppe unter anderem wegen flacher Melk-Aktionen auf der sommerlichen „Alm“, dem „Hire or Fire“-Flop oder dem scheinbar unvermeidlichen „The Swan“ in letzter Zeit als arg ramponiert an.

Die nackten Zahlen sprechen jedoch für Jocic, der in den vergangenen zwei Monaten für Pro 7 die besten Marktanteile seit vier Jahren eingefahren hat. Und auch, wenn mal etwas nicht so gut läuft, gibt sich der junge Fernsehmanager gelassen: „Ich versuche das sehr unternehmerisch zu sehen. Wir verkaufen ein Produkt. Wenn der Zuschauer das nicht annimmt, dann müssen wir es austauschen, und zwar so schnell wie möglich.“ Im Umfeld der Werbeplaner scheint die Pro-7-Programmmischung ohnehin besser anzukommen. „Der Zuschauer will Reality-TV sehen. Dem kann sich auch Pro 7 nicht entziehen“, sagt Christian Wulff von Pilot Media in Hamburg. Und Klaus Scharpf vom Mediaplaner Mindshare, konstatiert: „Bei seinem Wandel von einer Lizenzwarenabspielstation hin zu einer TV-Marke mit Eigenproduktionen ist Pro 7 durchaus erfolgreich.“

Auch Jocic spricht gerne vom Trend zu Eigenproduktionen im Haus. Zum nächsten Fernsehherbst will er seine neue Handschrift im Sender kultivieren – mit einer „edlen und skurrilen Programmfarbe“. Dabei denkt Jocic gerne an den amerikanischen Abo-Kanal HBO, der mit Serien wie „Six Feet Under“, „The Sopranos“ oder „Sex and the City“ deutsche Programmmacher seit Jahren blass werden lässt. Mehr HBO-Geist soll Pro 7 also in Zukunft atmen. Ein Unbelehrbarer, der da schon wieder an Haim Sabans langen Arm aus Amerika denken muss.

„The Swan – endlich schön!“: Pro 7, Dienstag, 21 Uhr 50

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben