Sabine Christiansen : Die Vermessung der Republik

Als "Ersatzparlament“ überschätzt, als Moderatorin unterschätzt: Vier Autoren über Sabine Christiansen und ihren Polittalk

Sabine Christiansen
Sabine Christiansen. -Foto: dpa

WOLFGANG THIERSE:

„Beste Fernsehunterhaltung“

Wir haben uns so an sie gewöhnt: Jeden Sonntagabend gab’s „Christiansen“ – mal als gepflegten Talk, mal als Geschrei, mal ein Thema fokussierend, mal das Thema vollkommen aus den Augen verlierend, manchmal interessant, oft zum Abschalten. Fernsehen halt, Unterhaltung eben. Man gewöhnt sich, also wird was fehlen.

Politik war zwar nicht so sehr der Gegenstand, aber immerhin das Mittel der Unterhaltung. Meinetwegen. Wenn’s so viele Zuschauer immer wieder haben wollten, wer wird das arrogant und abschätzig kritisieren! Aber den Unterschied sollte man festhalten: „Christiansen“ ist und war immer eine Talkshow, eine Unterhaltungsschau. Da zählt vor allem Schlagfertigkeit, Witz, Schnelligkeit, Lautstärke; da ist der Ort der politischen Entertainer, von denen Gysi der Beste ist. Da ist die Aussicht eher gering, dass Argumente sachlich und differenziert und ausführlich ausgetauscht werden. Da zählt eher die gute schnelle Pointe und das freundliche, sympathische Gesicht. Und am besten ist, wenn die Personalisierung von Konflikten und Skandalen gelingt. Unterhaltung eben.

Die wirkliche Politik ist – leider – meist weniger unterhaltend, sie ist eher grau und hässlich, langsam und schweißtreibend, dafür aber ernsthaft und folgenreich – also das genaue Gegenteil von Show!

„Christiansen“ war kein „Ersatzparlament“, wie ein Politiker – und auch noch anerkennend – meinte. Zwar ist das Fernsehen fast immer schneller, das Parlament bedarf einer Verständigung unter den Fraktionen über die Tagesordnung, bedarf eines Antrags oder Gesetzentwurfs als seriöser Grundlage seiner Diskussion. Im Parlament wird es ernst, hier wird entschieden – und der Abgeordnete hat für seine Entscheidung einzustehen, vor seinem Gewissen und seinen Wählern.

Wenn dieser Unterschied festgehalten wird, wenn man nicht meint, man nähme – bequem im Fernsehsessel sitzend – an demokratischer Politik teil, dann hat „Christiansen“ nicht geschadet und wird ihre Nachfolgesendung auch nicht schaden. Viel Vergnügen!

Der SPD-Politiker war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages, seither ist er dessen Vizepräsident.

GERTRUD HÖHLER:

„Der Start eines Medienmythos“

Sabines erste Auftritte in den „Tagesthemen“ habe ich besonders aufmerksam verfolgt: Sie war neunundzwanzig, ein wenig scheu, und saß auf jenem Platz, den ich wenige Wochen zuvor abgelehnt hatte. Das war 1987 und die Marke Sabine Christiansen stand noch nicht am Horizont. Nun feiern wir den Start dieser Marke in den Himmel der Medienmythen – was die meisten noch nicht ahnen. Wenn irgendwer Learning by Doing zu einem himmelstürmenden Ergebnis geführt hat, dann ist es die Medienlady Sabine Christiansen. So mancher Sabine-Gast wird sich aus dem coolen Verhör von Anne Will zurücksehnen nach Sabines Talent zur Verharmlosung: Die Merkel-Republik, wo Weltpolitik im Strandkorb gemacht wird, wurde in den Sonntagabendtalks bei Christiansen vorgeprobt. Sie beherrschte die Kunst der Entschärfung von brisanten Themen mindestens so gut wie die Kanzlerin.

In Wahrheit, und das begreifen wir jetzt erst, war Sabine Christiansens Talkshow deshalb so erfolgreich, weil sie die kompromisslose Abbildung der Republik bot: Alle reden zugleich, aber selten miteinander, und jeder vermeidet klare Botschaften. Der gnadenlose Realismus dieser Spiegelung ergab sich aus Sabines Laissez-faire. Sie machte eben deshalb Quote, weil sie, immerhin am Vorabend des erstens Arbeitstags der Woche, nicht Spannung produzierte, sondern Spannung reduzierte. Kritik an Sabine war immer eigentlich Republik-Kritik. Das bemerken wir erst jetzt. Der Mythos, der ihrem Abschied folgen wird, entfaltet sich genau deshalb: Sie hat ein Produkt entwickelt, in dem sich alle wiedererkennen, dessen Aufregungsfaktor gering ist und den Schlaf in die neue Woche nicht bedroht.

Was ihr Produkt angeht, wird Sabine Christiansen dramatisch unterschätzt. Ihr Talent zur Verharmlosung half ihr, mit den immer schlaueren Kommentaren zu ihrem raffiniert einfachen Produkt im Laissez-faire-Stil umzugehen. Sie wird noch manches Lesevergnügen haben, wenn die Heimwehkranken der Christiansen-Runde wehmütig nach neuen Einladungen suchen.

Die Autorin war bis 1993 Professorin für Literatur, seitdem arbeitet sie als Politik- und Unternehmensberaterin.

KLAUS WOWEREIT:

„Ein Muss für jeden Politiker“

Wer in der Politik Erfolg haben will, kommt an Sabine Christiansen nicht vorbei, mehr noch: Er muss in ihrer Sendung bestehen, denn ihr Polittalk ist zu der mit Abstand relevantesten politischen Sendung des deutschen Fernsehens geworden. Stetig hohe Quoten bis zu sechs Millionen Zuschauern zeigen, dass die Menschen diese Sendung angenommen und sich ihre Meinung in politischen Fragen gerne bei „Sabine Christiansen“ gebildet haben. Dieser kontinuierliche Erfolg hat viel mit der Person Sabine Christiansen zu tun. Sie hat es mit ihrem Stil geschafft, offenbar den Ton zu treffen, der die Leute am Sonntagabend nach dem „Tatort“ am Schirm hält. Deswegen kann sie auch getrost die Kollegenkritik abtropfen lassen. Ihre Sendung wollte weder ein wissenschaftliches Kolloquium noch eine Parlamentsdebatte ersetzen. Sabine Christiansen hat allerdings ein Format geschaffen, das dem demokratischen Diskurs auf der Höhe unserer entwickelten Mediengesellschaft eine zeitgemäße Plattform geschaffen hat. Dafür gebührt ihr Anerkennung und Dank.

Der Autor ist Regierender Bürgermeister von Berlin.

ELISABETH BINDER:

„Von Glamour bis Leidenschaft“

Sabine Christiansens gesellschaftliches Auftreten ist gekennzeichnet von Glamour, Großzügigkeit und Engagement. Oft zeigt sie alles auf einmal, aber nicht immer. Die große Glamourphase ging unmittelbar aus ihrer schwersten Krise hervor. Als sie unmittelbar vor dem 11. September erfuhr,dass ihre Ehe zerbrochen war, und zwar wegen einer Kollegin, die ihr fachlich nicht das Wasser reichen konnte, gab sie nicht klein bei. Sie suchte und fand enge Freunde in Udo Walz und Klaus Wowereit und stieg in jenem Herbst zur viel bewunderten Königin glanzvoller gesellschaftlicher Ereignisse auf. Ihre Auftritte waren immer blitzlichtumwittert, sie war der absolute Star. Überhaupt keine Blitzlichter gab es bei den eleganten Soireen und Dinner-Partys, die sie in ihrer Grunewalder Villa gab. Abseits der Kameras kamen dort wichtige, mächtige und geistvolle Funktionsträger zusammen und diskutierten auf höchstem Niveau, während Christiansen Champagner nachschenkte oder in ihrer gemütlichen Küche mit ordnenden Handgriffen dem Büfett den allerletzten Schliff gab. Bei all dem fand sie noch Zeit für vielfältiges soziales Engagement. Wenn sie als Unicef-Botschafterin über die Leiden von Kindersoldaten und Aidswaisen redet, legt sie ihrem Temperament keinerlei Zügel an und wirkt richtig leidenschaftlich.

Ach ja, und dann hat sie es nebenbei auch noch geschafft, in einem Alter, in dem man das Frauen normalerweise gar nicht mehr so zutraut, einen reichen, schönen und charmanten Mann zu finden. Seitdem es Norbert Medus in ihrem Leben gibt, hat ihr Gesicht fast etwas Weiches, Verträumtes bekommen. Das ist bei Karrierefrauen zwar eigentlich nicht vorgesehen. Steht ihr aber gut.

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