Medien : Sachsens neue Seiten

Mitten in der Medienkrise erscheint in Görlitz eine neue Tageszeitung

Christian Hönicke

Görlitz. Wieso ausgerechnet Görlitz? Markus Kremser zögert keine Sekunde. „Diese Geschichte funktioniert nur hier.“ Nirgendwo gebe es eine vergleichbar niedrige Kostenstruktur und eine Konkurrenz, die so geschlafen habe. „Die Bedingungen sind optimal“, sagt er. So gut, dass Kremser im östlichsten Zipfel der Bundesrepublik eine Tageszeitungsneugründung wagt: Die Erstausgabe der „Görlitzer Allgemeinen“ liegt heute an den Kiosken.

Die Eckdaten der „GA“ (Startauflage: 3500 Exemplare, 16 Seiten, 14 Mitarbeiter, Preis: 60 Cent) sind keineswegs spektakulär. Die Sensation ist, dass das Blatt überhaupt erscheint, mitten in der Medienkrise. Um den riskanten Schritt zu erklären, bemüht der 30- Jährige die Historie. Görlitz, obwohl in Sachsen gelegen, habe sich immer nach Preußen oder Breslau orientiert, nicht aber nach Dresden. „Es gibt hier eine eigene Identität, und die ist nicht sächsisch.“ Die von Gruner + Jahr verlegte „Sächsische Zeitung“ aus Dresden als dominierende Zeitung in Görlitz kommt Kremser vor, „als würde man in Düsseldorf den ,Kölner Stadtanzeiger‘ verkaufen“.

Dieser Argumentation möchte sich der Verlagsleiter der „Sächsischen Zeitung“ nicht anschließen. Zur Veranschaulichung der guten Verbindung zwischen Dresden und Görlitz verweist Carsten Dietmann auf die neue Autobahn – „nur noch eine Dreiviertelstunde Fahrtzeit“. Ähnlich rational schätzt er das Konkurrenzprodukt ein: „Die haben noch nie Zeitung gemacht und gehen ziemlich blauäugig vor.“ In früheren Interviews hatte er sogar von einem „Kamikaze-Akt“ gesprochen.

Tatsächlich wirkt einiges bei der „GA“ unorthodox. Die Testausgabe ist im Wohnzimmer entstanden, erst in Kürze zieht man in ein Büro. In der Anfangszeit wird das Gehalt der Mitarbeiter wöchentlich neu festgesetzt. Um Kosten zu sparen, lässt Kremser die Zeitung, die er nach eigenen Angaben selbstständig finanziert, auf der anderen Seite der Neiße in Polen drucken. Als Ziel setzt sich der gebürtige Mecklenburger, der das Blattmachen bei der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ lernte, eine Auflage von 10 000 Exemplaren nach den ersten 18 Monaten. Vor dem Start waren bereits 300 Abowünsche eingegangen.

Gruner + Jahr hat inzwischen erkannt, dass man den Neuling nicht unterschätzen darf. Die Preiserhöhung der „Sächsischen Zeitung“ von 70 auf 80 Cent wird ausgesetzt – in Görlitz und Umgebung.

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