Medien : Sadismus vs. Sympathie

Zwischen Bohlen und Gottschalk: Die Suche nach perfekter TV-Unterhaltung

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Maybrit Illner und der Unterhaltungsgipfel: DSDS-Produzentin Ute Biernat (v.l.n.r.), Thomas Gottschalk, Mathieu Carrière und Giovanni di Lorenzo suchten am Donnerstagabend nach dem TV-Gral. Immerhin 3,93 Millionen Menschen schauten zu. Foto: dapd
Maybrit Illner und der Unterhaltungsgipfel: DSDS-Produzentin Ute Biernat (v.l.n.r.), Thomas Gottschalk, Mathieu Carrière und...Foto: dapd

Fernsehen ist im Fernsehen immer ein schwieriges Thema, das betonte Moderatorin Maybrit Illner, und so war es auch. Sie suchten den Gral, die vier Gäste am Donnerstagabend im Berliner Studio, sie suchten die Formel für die perfekte Unterhaltungsshow. Und fanden sie nicht. Kein Wunder. Denn es gibt sie nicht.

Was es gibt, ist die Systemkonkurrenz zwischen netter Unterhaltung, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft, und gemeiner Unterhaltung, die im Kommerzfernsehen kommt. „Wetten, dass..?“ gegen Dschungelcamp. Die nette Show des ZDF geht vielleicht nach der Abdankung Thomas Gottschalks zugrunde. Das gemeine Dschungelcamp war nie so erfolgreich wie jüngst. Quo vadis, Spaß im deutschen Fernsehen? Unaufhaltsam in Richtung „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und „Big Brother“?

Aber halt. So nett sind die Alt-Sender mit ihrem Entertainment gar nicht. „Wetten, dass..?“ erinnerte länger schon an den römischen Zirkus. Und jetzt ist da ein Gladiator nur knapp dem Tode entronnen. Nett? Der Wandel ist Gottschalk bewusst. „Wir haben unsere Unschuld verloren“, sagt er, „der Wurm ist drin.“ Wieso? Wegen der Systemkonkurrenz, die knallhart über die Quote ausgetragen wird. „Da komm ich nicht mehr mit.“

Ute Biernat, Produzentin von „DSDS“ und Bohlen-Verteidigerin, lächelt in Siegerlaune. Was sie an Formaten entwickelt, soll Gefühle locken. Was für Gefühle, das erläutert Dschungelcamper Mathieu Carrière: Der Spaß komme einerseits aus dem Sadismus und der Schadenfreude, andererseits aus der Sympathie. Gottschalk stehe für Sympathie, Bohlen für Sadismus. Im übrigen sei das Dschungelcamp Bildungsfernsehen. Man lerne viel – über die Tropen und über die Menschen.

„Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo gab zu, Spaß am Camp-Gucken gehabt zu haben, es gebe da authentische Momente. Dann drehte er die Debatte in Richtung Gral. In den vergangenen 20 Jahren sei das einzige innovative Format im Unterhaltungsfernsehen „Schlag den Raab“ gewesen. Das sei ein Schlag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dem di Lorenzo die Treue halten möchte. „Woher kommt die Innovation?“ Niemand weiß es. Die Deutschen kupfern alles ab. Auch das Dschungelcamp stammt aus England. Biernat findet es okay, dass man sich eigene Anstrengung spart, wenn man Formate einkaufen kann. Diese Einstellung teilt Giovanni di Lorenzo nicht.

Gottschalk klagt: „Man hat nicht mehr den Atem, etwas wachsen zu lassen.“ Wettbewerbsdruck erstickt Kreativität. Aber nicht nur Kommerzfernsehen und öffentlich-rechtliches Fernsehen stehen im Wettbewerb, auch Castingshows stecken ihre Kandidaten in Wettbewerbe, die Unterhaltung besteht fast nur noch aus Wettbewerben, das Prinzip des Sports frisst alle andern Spaß-Quellen auf. Niemand weiß, wie man da rauskommt. Carrière meint, dass das Fernsehen ohnehin bald untergeht und das Internet die Glotze auch in Sachen Unterhaltung beerbt. Seine Tochter schaut gar nicht mehr fern.

Biernat setzt dennoch auf Gameshows. Gottschalk, ganz TV-Grandseigneur auf dem Rückzug, der, falls notwendig, „Wetten, dass..?“ auch wieder übernimmt („Ich bin ja nicht aus der Welt“), sinniert über den „intelligenten Irrsinn“ à la Monty Python, der gänzlich ausgestorben sei. Di Lorenzo verlangt experimentelle Formate, denen man Zeit geben müsse. Und Gastgeberin Illner gluckst während der Abmoderation so vergnügt, als könne sie in die Zukunft schauen und als stünde dort geschrieben: Das Fernsehen wird so bald nicht untergehen. Nur wie es Unterhaltung machen soll, ohne Lebensgefahr oder Dschungel- und Castingfreaks, das steht nicht dabei.

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