SAGEN, WAS WAR : Reden heißt Erinnern

„Gerdas Schweigen“: Ein Dokumentarfilm über eine KZ-Überlebende, die vergessen wollte.

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Leben und Überleben. Die Jüdin Gerda Schrage ist in Berlin-Prenzlauer Berg aufgewachsen. Den Nazis entkam sie nicht, dem KZ...Foto: RBB

Die 22-jährige Gerda entkommt der Deportation, indem sie im Februar 1943 über eine Mauer der Sammelstelle Große Hamburger Straße klettert. Sie trennt den Judenstern ab, kommt bei einer Nachbarin unter, nimmt eine Arbeitsstelle in einem Pelzmodesalon am Kudamm an – und verliebt sich in den Kürschner. Als sie im April 1944 verraten und nach Auschwitz gebracht wird, ist sie schwanger. Ihre Tochter kommt am 22. Oktober zur Welt und wird der Mutter nicht weggenommen, doch Gerda wird auf brutale Weise daran gehindert, das Kind zu stillen. Es verhungert innerhalb von zwei Wochen. Gerda überlebt und wandert nach dem Krieg nach Amerika aus. Von der Beziehung zu dem verheirateten Pelzhändler und der Existenz des Kindes wussten nur wenige Vertraute in Berlin. Und dabei sollte es eigentlich auch bleiben. Ich wollte das mit ins Grab nehmen. Bis Knut mich fragte“, sagt Gerda Schrage.

Die Geschichte seiner „Tante“ hat der Berliner Filmkritiker und Radio-Eins-Moderator Knut Elstermann in dem Buch „Gerdas Schweigen“ im Oktober 2005 veröffentlicht. Gerdas jüdische Familie waren in den zwanziger und dreißiger Jahren Nachbarn von Elstermanns Urgroßeltern, und das Mädchen war dort ein häufiger Gast, weil es bei den eigenen Eltern nicht so gut lief. Außerdem fand sie bei Elstermanns Tante Hilde 1943 Zuflucht, auch nach dem Krieg riss der Kontakt nicht ab. Nur von dem Kind in Auschwitz durfte nicht gesprochen werden, das Thema war tabu. Erst im Alter von über 80 Jahren brach Gerda Schrage gegenüber Knut Elstermann ihr Schweigen. Drei Jahre nach dessen Buch kam Britta Wauers gleichnamiger Dokumentarfilm in die Kinos, heute hat er Fernsehpremiere.

Doch „Gerdas Schweigen“ ist mehr als nur der Film zum Buch. Britta Wauer erzählt nicht allein die berührende und einzigartige Geschichte einer Holocaust-Überlebenden. Es geht vor allem um die Schwierigkeit, die unfassbaren Erlebnisse anderen mitzuteilen, besonders denen, die einem am nächsten stehen. Es geht darum, wie der Holocaust bis heute auf die Beziehung der Generationen wirkt. Gerdas Sohn Steven ist in dem Film von Anfang an präsent, obwohl er erst am Ende vor die Kamera tritt. Steven wusste bis zu Elstermanns Buchveröffentlichung nicht, dass er eine Schwester hatte. Und danach erfuhr er es nicht durch seine Mutter, sondern eher zufällig durch eine Recherche im Internet.

Der Film geht also auch der Wirkung des Buches nach, was die häufige Präsenz von Knut Elstermann jedoch nicht ganz rechtfertigt. Mal ist Elstermann der Erzähler, mal ist er der nachdenkliche Journalist, der über seine eigene Rolle reflektiert und aus dem Fenster ins Abendrot über New York schaut. Das wirkt manchmal doch etwas angestrengt und dick aufgetragen, ebenso wie die dramatische Musik, mit der Grimme-Preisträgerin Wauer („Die Rapoports“) sogar die Aussagen von Gerda Schrage unterlegt. Als ob deren Erinnerungen nicht dramatisch genug wären.

Irritierend auch, dass in den ersten Szenen der Eindruck erweckt wird, als wäre die Filmautorin tatsächlich bei Elstermanns erster Begegnung mit Gerda Schrage dabei gewesen. All das trübt ein wenig den Gesamteindruck eines ansonsten die verschiedenen Ebenen geschickt miteinander verbindenden Films, der kluge Fragen stellt und nicht altklug Partei ergreift. Thomas Gehringer

„Gerdas Schweigen“, RBB-Fernsehen, 22 Uhr 45

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