Medien : Sandmann, lieber Sandmann

45 Jahre nach ihrem ersten Auftritt hat die kleine Fernsehfigur nach wie vor ihr festes Stammpublikum

Kathrin Schich

Dieser kleine Mann hat es gut. Feiert in diesen Tagen schon seinen 45. Geburtstag und hat noch keine einzige Falte. Im Gegenteil. Wenn es im deutschen Kinderfernsehen eine TV-Figur gibt, die sich kaum verändert hat, dann ist es das Sandmännchen. Noch immer tritt es mit seinem kindlichen Gesicht, den großen dunklen Knopfaugen, seiner Stupsnase, dem frechen Spitzbart und dem Filzhut auf. Noch immer spricht es kein Wort, sondern vermittelt den jungen Zuschauern seine Gute-Nacht-Geschichten mit einfühlsamen Gesten. Und noch immer singt ein Kinderchor am Anfang und Ende jeder Sendung „Sandmann, lieber Sandmann“. Generationen erinnern sich. Ein Klassiker.

Man könnte meinen, so ein Format hätte es in Zeiten bunter Trickfilme und perfekt animierter Computerspiele schwer, das Interesse der Jüngsten auf sich zu ziehen. Stimmt aber nicht. Die kleine Figur, die jeden Abend auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen über den Bildschirm flimmert, hat in ganz Deutschland derzeit fast 1,2 Millionen Fans, Tendenz steigend: Durchschnittlich 360 000 Zuschauer im MDR (18 Uhr 50) und 720 000 Zuschauer im deutschlandweiten Kinderkanal (18 Uhr 55) verfolgten in diesem Jahr die Abenteuer des Traummanns – Eltern und Großeltern, die am Sandmännchen-Ritual teilnehmen, inbegriffen. Im RBB (17 Uhr 55) waren es seit der Fusion der beiden Regionalsender von Berlin und Brandenburg Ende Februar durchschnittlich 60 000 Zuschauer, wobei der Marktanteil, wie frühere Zahlen belegen, bei den Brandenburgern größer ist (0,5 Prozent) als bei den Berlinern (0,1 Prozent). Ist der kleine Ossi, der im November 1959 im DDR- Fernsehen startete, die Wiedervereinigung problemlos überlebte und 1992 seinen westdeutschen Kollegen aus dem Rennen um die Zuschauergunst kickte, im Osten nach wie vor beliebter?

Immer bunter, lauter, greller ist das Fernsehen in den letzten Jahrzehnten geworden. „Trotzdem hat der kleine Mann eigentlich keine direkten Konkurrenten“, sagt Anne Knabe von der Sandmännchen-Redaktion des RBB, der die Sendung zusammen mit MDR und NDR in Potsdam-Babelsberg produziert. Das Sandmännchen sei vor allem für Vorschulkinder gedacht, und für diese Gruppe gebe es zur Schlafenszeit zwischen 18 und 19 Uhr kaum vergleichbare Angebote. Tatsächlich sind anspruchsvolle Gute-Nacht-Sendungen für Kleinkinder im Fernsehen noch immer Mangelware. Der Kindersender Super RTL bringt vor 19 Uhr zwar Trickfilme wie „Arielle, die Meerjungfrau“ (790 000 Zuschauer) und „Disneys große Pause“ (1,1 Millionen Zuschauer) – allerdings sind die offiziell eher für den Nachwuchs gedacht, der sechs Jahre und älter ist. Die unter Sechsjährigen sind, auch wenn Super RTL sie in seine Zielgruppe einrechnet, mit solchen Geschichten meist überfordert. RTL 2, tagsüber bekannt für Trickfilme aller Art (jedoch auch erst für Kinder ab acht Jahren), wechselt noch vor 18 Uhr das Format und spielt von da an Comedy-Serien. Andere Private wie Pro Sieben/Sat 1 haben Kinder weder im Morgen- noch im Abendprogramm als Kunden entdeckt und wenden sich mit ihren Soaps und Reality-Shows stattdessen an Jugendliche. Wer für seinen Nachwuchs eine unterhaltsame, vor allem gewaltfreie Sendung vor dem Schlafengehen sucht, der sei beim Sandmännchen am besten aufgehoben, findet Anne Knabe.

Auch wenn von einem Anpassungsdruck an die knallbunten Kindersendungen des Privatfernsehens keine Rede sein kann, wurde beim Sandmännchen in den vergangenen Jahren ein wenig nachgebessert. Zum Beispiel ist das Gestell für die 25 Zentimeter große Originalpuppe leichter, die Figur dadurch insgesamt beweglicher und sportiver geworden. Grundsätzlich soll das Sandmännchen aber so bleiben wie bisher, sagt Erfinder Gerhard Behrendt: „Sein kindliches und zugleich Weisheit ausstrahlendes Antlitz ruft offenbar bis heute echte Rührung hervor. Warum sollte man dem Sandmännchen also was am Zeug flicken?“ Der 75-jährige Regisseur, Szenen- und Puppenbildner war an mehr als 300 Sandmännchen-Filmen beteiligt, hat sich inzwischen aber aus der aktuellen Produktion zurückgezogen. Nur noch beratend steht er der nach der Wende gegründeten Sandmann Trickfilm GmbH Berlin zur Seite.

Gerhard Behrendt legt Wert darauf, dass die Botschaft des Sandmännchens auch in Zukunft die gleiche bleibt: Seine Reisen in fremde Länder sollen den Kindern die Augen öffnen zum Kennenlernen anderer Kulturen. Anne Knabe spricht auch von „Mutmach-Geschichten“ – das Sandmännchen führe vor, wie man Alltagsprobleme erfolgreich selbst meistert. Für Sabine Bresche vom Berliner Kinderschutzbund ist das der Hauptgrund dafür, warum das Sandmännchen, mag es auch traditionell daherkommen, nie uninteressant wird: „Es gibt Geborgenheit und regt die Kinder trotzdem zum Nachdenken an. Wir bräuchten im Fernsehen viel mehr solcher Formate.“ Bei seinen Abenteuern helfen dem Sandmännchen immer wieder seine besten Freunde – früher Pittiplatsch und Schnatterinchen, heute der kleine Zauberer Pondorondo oder die Südpolgang. Und am Konzept wird weiter gefeilt. In Zukunft kommen viele neue Figuren dazu, etwa das kleine Mädchen Ebb und ihre Gans Flo sowie Hasenjunge Bonny und seine Freundin Kleidchen.

Die Ideen gehen den Redakteuren nie aus, das Geld könnte dagegen eher knapp werden: Ein Jahresbudget von 500 000 Euro ist nicht viel, wenn an 365 Tagen produziert wird. Zumindest seien für die nächsten Jahre keine Einsparungen beim Sandmännchen geplant, heißt es beim RBB. Dem kleinen Mann wird wohl ein sehr langes Leben beschieden sein.

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