Medien : Sanfte Schnitte

Jan Schulz-Ojala

Eine erste Liebe mit elf, oder sollte man sagen: eine erste Verfallenheit? Zwei Jungs, die sich voneinander angezogen fühlen, ein dritter kommt hinzu, ein Mitwissertum, eine Eifersucht, ein Verbrechen, eine Schändung. Alles Kindische, alles Hungrige, alles Grausame geschieht in sonnigen bretonischen Sommerferientagen, und danach sind Heranwachsende für Jahre in der Klinik, von der Katastrophe scheinbar nur am Rande berührte Liebesverhältnisse in schwerer Schieflage und Familien zerstört. Christophe Honoré, Jahrgang 1970, erzählt die Geschichte von Steven, Jeremy, Antoine und den anderen in kühl komponierten Perspektivwechseln, straffen Raum- und Zeitsprüngen, mal mono-, mal dialogisch, auch mal polyphon. Nur den allwissenden Erzähler, den gibt es nicht in diesem erst verwirrenden, bald wachsend magischen Soundpuzzle namens Kurzroman, vielleicht weil auch sonst in der Welt niemals jemand alles weiß. Sehr filmisch schneidet der einstige Filmstudent Honoré in seinem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman ein fragiles Heute gegen die schreckliche Tatnacht vor acht Jahren, rückt seine imaginäre Kamera mal hinter diesen, mal hinter jenen Kopf, bis die Hilf- und Hoffnungslosigkeit aller Protagonisten vollkommen scheint: Ob Täteropfer und Opfertäter – allesamt hat sie jener schwarze Sommer in etwas wie Erwachsensein geworfen, und doch bleiben sie Marionetten ihrer Lustschmerzen von Kindheit an. Oder was man mit elf Jahren noch für Kindheit halten mag. Ja, „Die Sanftheit“ ist ein durch und durch raues Buch, das seinen Titel fast verspottet. Aber dann lesen wir, Zufallsfundstelle auf Seite 101, ein fast zu schönes Alibi: „Wie sanft ein Mensch ist, spürt man im Mund.“

Christophe Honoré: Die Sanftheit. Roman. Aus dem Franz. von Nathalie Mälzer-Semlinger. Wagenbach, Berlin. 105 S., 15,50 €.

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