Sat-1-Fiction-Chef : Der Quoten-Mann

Joachim Kosack ist Fiction-Chef bei Sat 1, ab April wird er Ko-Geschäftsführer des Privatsenders. Früher war der Pastorensohn selbst Schauspieler, heute holt er Filme wie "Die Wanderhure" ins Programm - und weiß, wie wichtig Frauen für den Erfolg des Senders sind.

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Emotionen sollen Serien wie „Danni Lowinski“ (21 Uhr 15, Sat 1) mit Annette Frier (r.) wecken. In der neuen Folge will sie als Anwältin die kleine Momo (Angi Peters, 2.v.r.) vor der Abschiebung retten. Freundin Bea (Nadja Becker, 2.v.l.) hilft ihr dabei.
Emotionen sollen Serien wie „Danni Lowinski“ (21 Uhr 15, Sat 1) mit Annette Frier (r.) wecken. In der neuen Folge will sie als...Foto: Sat 1

Das Programm von Sat 1 ist nicht immer ein Quell der Freude. Über „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ aber gerät der Sat-1-Fiction-Chef Joachim Kosack geradezu ins Schwärmen. Er glaubt, das Geheimnis des Erfolgs zu kennen: „Beide Serien sehen deutsch aus, stehen aber in der Tradition des angelsächsischen Entertainments – mit dem klaren Bekenntnis, unterhalten zu wollen“. Darüber hinaus biete vor allem „Danni Lowinski“ mit Annette Frier „relevante Themen, die man eher bei ‚Bella Block’ vermuten würde“. Kosack möchte am Montag einen deutschen Serienabend im Programm des Münchner Privatsenders etablieren. Zwei Serien braucht er noch.

Doch erst einmal muss er sehen, was die Ko-Geschäftsführung von Sat 1 bringt, die er am 1. April übernimmt. Noch redet der 45-Jährige nur über das Programm. Über seine TV-Movies zum Beispiel, 21 Stück bringt Sat 1 pro Jahr auf den Weg. Und über die Kernzielgruppe: Frauen zwischen 20 und 49 Jahren. „Wir müssen schauen, dass die Frauen die Filme gut finden, dann aber die Filme so aufstellen, dass Frauen die Chance haben, auch ihre Männer überreden, mitzugucken“, so Kosack. Bei „Restrisiko“ oder „Marco W.“ ist das gelungen. „Die Wanderhure“ war mit 9,75 Millionen Zuschauern sogar der meistgesehene Fernsehfilm 2010.

Joachim Kosack redet schnell, ohne Punkt und Komma jagt er durchs Programm, von „Leuchtturm“ zu „Leuchtturm“. Er weiß seine „Marken“ zu verkaufen. Dieser Mann besitzt Entertainer-Qualitäten. Das besaßen andere Sat-1-Geschäftsführer auch. Und doch wirkt er anders als ein Fred Kogel oder Roger Schawinski. Der 45-Jährige kommt nicht als weltmännischer Macher daher. Eigentlich wollte er Schauspieler werden. Er machte Kabarett und baute in Wuppertal das TIC – Theater in Cronenberg auf, wo er mit Christoph Maria Herbst auf der Bühne stand. Danach zieht es ihn zur Regie, an diversen Provinztheatern arbeitet er als Regieassistenz, als Regisseur, als Oberspielleiter. Zum Fernsehen kam er durch Zufall. Den Job als Storyliner bei „GZSZ“ sah er 1996 als Überbrückung. „Ich hatte gedacht, ich mache ein halbes Jahr Fernsehen und dann gehe ich zurück zum Theater“, so Kosack. Doch er blieb in den goldenen Jahren des Privatfernsehens in der Medienbranche hängen. Von der Daily ging es als Producer zur Weekly „Hinter Gittern“, von der Grundy UFA zu Teamworx, von industrieller Serien-Fertigung zu edlen Hochglanz-Produktionen.

Auch unter Teamworx-Chef Nico Hofmann, der ihn auch als Seriendozent an die Filmhochschule Ludwigsburg holte, blieb er ein Produzent für die Extreme. Er betreute das Geschichtsdrama „Stauffenberg“, den Event-Mehrteiler „Die Flucht“, zeichnete ebenso verantwortlich für die Telenovela „Bianca“ wie den Serien-Flop „Verschollen“. Seine Vorliebe fürs Theater konnte Kosack mit den Bühnen-Adaptionen „Baal“ und „Lulu“ noch einmal ausleben. Das alles prädestinierte ihn für den Job als Fiction-Chef von Sat 1.

„Er ist einer der allerbesten in meinem Team und er wird mich noch stärker unterstützen“, sagte unlängst Sat-1-Geschäftsführer Andreas Bartl der „Süddeutschen Zeitung“. Das klingt nach mehr für den Fall, dass der ProSiebenSat1-Vorstand seinen Sat-1-Chefposten aufgeben würde.

Kosack ist als Programmmacher ein Mann des Machbaren. Die Zeiten der Höhenflüge, in denen es für Sat 1 Grimme-Preise hagelte, sind vorbei. Den letzten im Bereich Fiktion gab es 2004 für „Das Wunder von Lengede“. Drei Jahre vor Kosacks Amtsantritt. Visionen sind nicht mehr gefragt, alles ist gut, wenn es „funktioniert“. Funktionieren heiße: im Budget geblieben, gute Quote, befriedigender Film.

Wellen schlagen wie bei „Barfuß bis zum Hals“ könne man nicht immer. Wie auch – bei dem eher schlichten Konzept, das Kosack für seine TV-Movies ausruft: Klares Programmversprechen heißt klares Genre, Komödie, Thriller, seltener Krimidrama – versehen allerdings mit dem Zusatz „so habe ich das aber noch nie gesehen“. Eine ungewöhnliche Besetzungsidee oder ein besonderer Erzählansatz sollen den Zuschauer Staunen machen. Klingt auf den ersten Blick nach billigem Abkupfern von dem, was Hollywood seit Jahrzehnten praktiziert. Und anders als das, was auf Kosacks ewiger Bestenliste steht: Martin Scorsese, Stanley Kubrick, Neil Jordan, „1900“ und „Stirb langsam“.

Was den Pastorensohn antreibt, der Hanns Dieter Hüsch und Pina Bausch als Ikonen seiner Jugend bezeichnet, ist „die Suche nach großen Emotionen, gepaart mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch, nach großer Unterhaltung, nach breitenwirksamem Erzählen, geprägt von einer linksliberalen Sozialisierung“.

Es gibt einige Projekte, von denen sich Joachim Kosack viel verspricht. Zum Beispiel: „Zur Sache, Marie“, ein TV-Movie um eine Witwe, die zur Pornoproduzentin wird. „Es geht nicht vornehmlich darum, wie man mit Sex umgeht, der Film zeigt vielmehr den Weg einer Frau, die am Ende erotische Filme produziert, Filme ohne frauenverachtenden Unterton“, so Kosack. „Wir müssen die Genres schon immer wieder klassisch erzählen, aber wir müssen sie neu aufladen.“

Neu ist das nicht: „Plötzlich fett“ beispielsweise ist eine Komödie über einen Bodyswitch zwischen Waschbrettbauch und Moppel-Ich. Sat 1 scheint auf die Gnade der späten Geburt und die Gabe eines schwachen Gedächtnisses zu setzen. Aber man hat ja auch noch „die großen Frauenstoffe vor historischem Hintergrund“ anzubieten. Nach „Die Wanderhure“ will Sat 1 dieses Genre zur hauseigenen Marke ausbauen. Ein weiterer Mittelalterroman von Iny Lorentz, „Die Kastellanin“, soll dieses Jahr mit Alexandra Neldel verfilmt werden. In Berlin entsteht zurzeit „Am Ende die Hoffnung“ mit Yvonne Catterfeld als deutsche Spionin im Auftrag der Engländer. „Wir tun aber nicht so, als wäre es ein ernsthafter historischer Film, sondern wir bekennen uns dazu, in erster Linie eine spannende Geschichte erzählen zu wollen“, so Kosack, „wir erheben nicht den Anspruch, etwas über den deutschen Widerstand zu erzählen.“

Wichtiger sind die Gesichter: Neldel, Catterfeld, vor allem Henning Baum und Annette Frier gehören zum Sat-1-Inventar. Kosack: „Es sind Schauspieler mit großem Sympathie-Bonus, es sind aber auch Figuren, die etwas sehr Deutsches haben: ‚Ich bin so, wie ich bin, und dazu stehe ich mit allen Konsequenzen.“ Für sein eigenes Leben hält es Kosack mit Ödön von Horvath: „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“

Joachim Kosack, 45, ist Fiction-Chef und wird Ko-Geschäftsführer bei Sat 1. Früher war der Pastorensohn selbst Schauspieler, heute holt er Filme wie „Die Wanderhure“ ins Programm.

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