Sat-1-Umzug : Das ist die Berliner Kluft, Kluft, Kluft …

Nach dem beschlossenen Sat-1-Umzug: Einige Überlegungen zu journalistischen Defiziten in der "Berliner Republik".

Bernd Gäbler
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Das Zentrum der deutschen Politik liegt zwar in Berlin, aber die Medienlandschaft ist noch lange nicht ähnlich hauptstädtisch...

Sat 1 zieht weg aus Berlin, und alle sprechen von einem Rückschlag für den Medienstandort. Aber keiner glaubt, dass die TV-Movies und -Magazine dadurch nun an spezifischem Flair verlieren. Ebenso vermutet niemand, dass die Journalisten des bisherigen Hauptstadtsenders den Regierenden besonders auf die Finger geschaut hätten. Niemand beklagt journalistische Einbußen.

Berlin ist lebendig, widersprüchlich und ein Newsknotenpunkt von internationalem Rang. Eine „Berliner Republik“ soll das Land längst sein, aber die Medienstandorte München, Hamburg oder Köln blühen weiter in föderaler Vielfalt. Berlin ist unbestritten das Zentrum der deutschen Politik – die Medienlandschaft aber ist noch lange nicht ähnlich hauptstädtisch geprägt. Hier tut sich eine Kluft auf. Möglichkeiten bleiben ungenutzt – teilweise wegen Ideenarmut, meist aus ökonomischen Gründen.

Zwar ist der Zeitungsmarkt in Berlin besonders dicht und bei den beheimateten Abo-Zeitungen qualitativ bemerkenswert, zwar unterhalten hier die in Frankfurt/Main oder München beheimateten nationalen Qualitätszeitungen große Büros. Aber das jeweilige „Berliner Büro“ ist weitgehend identisch mit der „Parlamentsredaktion“, heißt, der genauen Beobachtung der offiziellen Politik in Legislative und Exekutive. Die anfangs versuchten Sonderseiten oder Beilagen wurden eingestellt.

Darunter leidet der offene Blick auf Gesellschaft und Kultur, Szene und Zukunftsthemen. Die vielen Sender auf dem dichten Hörfunkmarkt richten sich vorwiegend an die Berliner selbst, rufen nicht von Berlin aus die Republik an. Was sich „People Journalismus“ nennt, hat in Berlin nicht Fuß gefasst. Neu aus Berlin kommt nur die deutsche Version von „Vanity Fair“. Trotz redlicher Mühen vermochte sie den Anspruch bisher nicht einzulösen, mehr zu sein als ein weiteres Magazin neben „Bunte“ aus München oder „Gala“ aus Hamburg. Etwas neues Drittes, eine höhere Synthese etwa aus „Spiegel“ und „Bunte“, eine Analogie zur der in den USA Politik und Society gleichermaßen kommentierenden „Huffington Post“ ist nicht entstanden. Und nicht einmal in der Ferne sichtbar ist ein deutsches CNN. N24 und n-tv sind froh, wenn sie überhaupt als Informationssender wahrgenommen werden, wenigstens hier und da die schnelle Gangart im Aktuellen mithalten können. Wacker senden sie ein paar Talkshows aus der zweiten Reihe. Sie sind zu schwach, um Maßstäbe zu setzen oder dem Hauptstadtjournalismus Impulse zu verleihen. Eine journalistische Offensive beim Fernsehen oder als Kombination von Fernsehen und Internet in privatwirtschaftlicher Regie ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Der öffentlich-rechtliche Ableger Phoenix hat sich zu einer recht umfassenden Plattform für die Abbildung der Tagespolitik entwickelt. Kompetente Print-Journalisten dürfen sich dort gerne äußern, viele Politiker nutzen den Sender als Plattform zur Selbstdarstellung. Alles in allem ist Phoenix ein doch etwas arg treuer Wegbegleiter der Partei-Politik mit – in Heiligendamm wie in Gorleben wurde dies sichtbar - allzu offenkundigen Vorbehalten gegenüber außerparlamentarischen politischen Regungen.

Es gibt eben keinen Hauptstadtsender. Der RBB ist im Gefüge der ARD zu schwach, um die in Berlin exemplarisch aufbrechenden gesellschaftlichen Widersprüche, die kulturelle Vielfalt, Wissenschaft und Lebensweise für die gesamte Republik reflektieren zu können. Für ihn ist Berlin Lokales. Dennoch kommen den elektronischen Medien natürlich Verdienste zu. Politmagazine wie „Monitor“ spüren unverdrossen dem Lobbyisten-Einfluss nach. Als Kurt Beck an der SPD-Spitze aufgab, waren die Hauptstadtstudios von ARD und ZDF auf Ballhöhe, respektive frühzeitig informiert worden. Ungereimtheiten des BKA-Gesetzes entgehen ihnen ebenso wenig wie vage Etatplanungen – aber fehlt nicht dennoch ganz viel? Es gibt Investigatives zu Leiharbeit und gepanschtem Wein, aber muss nicht – wer etwa die wuchtige Dokumentation des „Spiegel“ zur Genese der Finanzkrise durchgearbeitet hat – den Eindruck gewinnen, das Fernsehen begnüge sich im Angesicht der Krise viel zu sehr mit „business as usual“?

Spürbar versuchen zwar beide sonntäglichen Magazine, „Bericht aus Berlin“ (ARD) und „Berlin direkt“ (ZDF), die Berliner Parteipolitik weniger verselbstständigt darzubieten und machen sich auf die Suche nach Rückbindungen ihrer Themen an die Gesellschaft, aber ist aus Berlin nicht ein viel größerer Formenreichtum – von speziellen Magazinen, Langzeitbeobachtungen bis hin zum klassischen Politiker-Porträt – denkbar?

Wo bleiben Stücke mit beobachtender Kamera, erkennbare Handschriften von Autoren, Bildsprachen, die sich bewusst vom nachrichtlichen Alltagsgeschäft unterscheiden? Werden Themen antizyklisch gesetzt? Untersucht jemand detailliert die ökonomische Politik der Bundesregierung – oder belässt man es dabei, dass Peer Steinbrück irgendwie einen ganz souveränen Eindruck macht?

Dass die Umschlagsgeschwindigkeit von Themen und Zitaten, dass die Konkurrenz der Medien und Journalisten zugenommen hat, ist ein vielfach kolportierter Allgemeinplatz. Wie wäre es da, zum Zwecke der Selbstreflexion einmal systematisch zwischen Informationen, die sich im Umlauf befinden, und eroberten Informationen zu unterscheiden? Dann würden Defizite ins Auge springen.

Als „Terrorismus-Experten“ werden Elmar Theveßen (ZDF) und Jochen Wagner (ARD) gerne von ihren eigenen Sendern vorgestellt. Wie oft aber sind sie lediglich der Ansprechpartner für Informationen aus den Diensten?

Wenn es denn schon keinen Hauptstadtsender gibt und von den privaten Stationen keine größeren Initiativen zu erwarten sind, dann müssen die Hauptstadtstudios von ARD und ZDF ihre Kapazitäten umfassender nutzen. Hier ist viel Luft nach oben. Noch ist es doch so, dass Zeitungsberichte über einen Parteitag bedeutend mehr Vergnügen bereiten, als die späten sonntäglichen Pflichtberichte in ARD oder ZDF.

Hieran hat auch die sich gerade in Berlin um Bildblog, Netzeitung oder Re-Publica entwickelnde „Blogosphäre“ wenig geändert. Sie ist stärker auf Netzpolitik und andere Medien bezogen als auf Politik und Gesellschaft.

Etwas vergleichbar Zündendes wie die großen investigativen US-Journalisten von Walter Lippmann bis Seymour Hersh gibt es in Berlin leider nicht.

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