Sat1 : Western von gestern

Sat 1 entdeckt für die Primetime den Reiz der Winnetou-Ära: Warum ist es eigentlich so schwer, einen richtig guten deutschen Genrefilm zu drehen?

Jan Freitag
Cecilie von Hohenberg (Nadja Uhl).
Cecilie von Hohenberg (Nadja Uhl).Foto: Sat1

Der Western ist ein wandlungsfähiges Genre. Am 1. Dezember 1903 kam mit „Der große Eisenbahnraub“ der erste Western ins Kino. Als Cowboy und Indianer das Kino eroberten, verkündete das die Mär braver Siedler im Ringen mit rothäutigen Wilden. Als dann in den 1950ern und 60ern erste Zweifel am Edelmut weißer Eroberer aufkamen, begann der Italowestern dieses Strickmuster etwas gröber zu zeichnen, derweil der deutsche Heimatwestern Winnetou mit wechselnden Blutsbrüdern Ordnung schaffen ließ. In Deutschland sorgten zuletzt, Jahrzehnte später, eigenwillige Genrevariationen wie Helge Schneiders „Doc Snyder“, Bully Herbigs „Schuh des Manitu“ oder auch Thomas Arslans Auswandererfilm „Gold“ für Aufsehen.

Nun wagt sich Sat 1 am Dienstagabend mit seinem Melodram „In einem Wilden Land“ ans Thema. Nach wahren Begebenheiten – preußische Wohlstandsflüchtlinge auf dem Weg nach Texas – erzählt Regisseur Rainer Matsutani die Geschichte einer rehäugigen Weberin (Emilia Schüle) im Kampf fürs Schöne, Wahre, Gute, Gerechte. Quasi im Alleingang ringt das beinharte Feenwesen den fiesen Offizier Graf von Hohenberg (Benno Fürmann), allzu wilde Wilde (Komantschen) sowie restlichen Integrationshindernisse (Krieg, Gier, Ignoranz) nieder, bevor die Weberin mit feuriger Rede für den einzigen Friedensvertrag europäischer Eindringlinge mit amerikanischen Ureinwohnern sorgt, der tatsächlich nie gebrochen wurde.

Tod am Marterpfahl

Die zwei TV-Stunden fangen recht robust an. Mit krustigem Blut unter sorgsam gezupften Augenbrauen erwartet Hauptfigur Mila den Tod am Marterpfahl, als eine Rückblende die missliche Lage mit dem schlesischen Weberaufstand einleitet, dessen blutige Niederschlagung zum Exodus gen Amerika geführt hatte. Auch danach gönnt sich die Dramaturgie – zum Staraufgebot von Nadja Uhl über Thomas Thieme bis hin zur ewigen Defa-Rothaut Gojko Mitic – einige Prisen Realität. Schauspielerin Emilia Schüle sagt nicht ohne Grund, sie habe sich zur Vorbereitung auf ihre Rolle „eine ganze Menge Klassiker angeschaut“. Einige Unstimmigkeiten sind bei diesem deutschen Western trotzdem geblieben. Der raue Trapper spricht fließend deutsch mit texanischem Akzent, der schöne Indianer ohne. Beim Ritt über prächtig beleuchtete Prärielandschaften donnern grundsätzlich Choräle, und immer flattern die Locken der Heldinnen im Wind, ohne je den Halt zu verlieren.

Diese Mixtur sagt einiges über ein Genre, das sich bei aller Entwicklungsbereitschaft nie von den Fesseln seiner Frühphase befreien konnte. Zur Zeit gewaltiger Umbrüche der 1930er (Krise, New Deal, Weltkrieg) bis 50er Jahre (Aufschwung, US-Expansion, Kalter Krieg), hatte Hollywood den gefahrvollen Treck nach Westen noch an die vermeintlich amerikanische Kraft des Individuellen gekoppelt. Auf der Leinwand büßten weiße Helden von Gary Cooper bis John Wayne später an Lösungskompetenz ein; am Bildschirm dagegen konnten sich Marshall Matt Dillon („Rauchende Colts“) oder Familie Cartwright („Bonanza“) bis tief ins 20. Jahrhundert halten, wurden dann fast nahtlos durch „Unsere kleine Farm“, „Dr. Quinn“ und das robuste „Deadwood“ ersetzt.

Es ist bemerkenswert, wie sich Sat 1 von aller Innovation befreit und 2013 im Dutzend deutscher Winnetou-Filme aus den 60ern landet, bis im Finale die Friedenspfeife kreist. Und das, wo Thomas Arslans Kino-Epos „Gold“ gerade zeigte, wie modern man doch Wildwest erzählen kann.

„In einem Wilden Land“,

Dienstag, Sat 1, 20 Uhr 15

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