Medien : Satire, jetzt auch online

„Titanic“-Herausgeber scherzt bei Spiegel.de

Marc Felix Serrao

Spam, so nennt der Internetbenutzer die Kontamination seiner Kommunikation. Eine E-Mail verspricht ihm 100 000 Euro, eine zweite Mail Sex vom anderen Stern, eine dritte zerlegt beim Öffnen die Festplatte. Allen gemeinsam ist der Ekel des Empfängers. Seit gestern gibt es noch eine weitere Version. Das Online-Portal Spiegel.de, die mit aktuell 13 Millionen täglichen Klicks erfolgreichste deutschsprachige Nachrichtenseite, hat unter diesem Namen ein Ressort für Satire gestartet.

Ein Blick ins Impressum von spam@spiegel.de zeigt, dass es dem Onlineportal ernst ist mit dem Spaß: Leiter des dreiköpfigen Ressorts, welches sich mit einem dicken schwarzen Balken deutlich vom roten Rest der Seite abhebt, ist kein geringerer als Martin Sonneborn, früher Chefredakteur und heute Mitherausgeber des Frankfurter Satiremagazins „Titanic“. Seine Antwort auf die Frage nach den Vorteilen des Internets: „Man kann wesentlich schneller reagieren.“ Ein Blick in die ersten „Spam“- Texte und Fotostrecken legt die Vermutung nahe, dass der Lohnherr aus Hamburg seinen neuen Angestellten neben der Aufarbeitung der aktuellen Nachrichtenlage keine oder nur sehr wenige Auflagen gemacht hat. Unter einem „entlastenden Schock-Foto“, das einen unkenntlich gemachten uniformierten Mann mit Teddy im Arm und entblößtem Gummigeschlechtsteil zeigt, heißt es: „Aufgeräumt sitzt ein Bundeswehrsoldat Wache im Stadtpark von Kabul. Im Arm hält er einen Teddy, Symbol für das Kind im Manne. Friedlich schaut sein Penis in Richtung des majestätischen Hindukusch (nicht im Bild).“

Auch der erste Eintrag der Rubrik „Aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert“ zielt auf aktuelle Schlagzeilen. Der polnische Regierungschef Jaroslaw Kaczynski, eben noch auf Deutschlandbesuch, über Angela Merkel: „So eine wie sie würde man bei uns in Polen nicht mal als Putzfrau nach Deutschland schicken!“ Lustig oder nicht, darüber werden letztlich die Klickzahlen entscheiden.

Wie bei der kleineren Konkurrenz. Bereits seit dem Relaunch des Springer-Portals welt.de (täglich bis zu 1,4 Millionen Klicks) im September gibt es dort ein Ressort namens „Glasauge“. „Kerngeschäft“, heißt es, sei die Medienparodie, welche „die Logik der Nachricht selbst auf den Kopf stellt“. Ein Beispiel? Auch hier muss Ministerpräsident Kaczynski für ein satirisch gemeintes Zitat herhalten. Unter einem Foto mit der Überschrift „Deutschland vs. Polen – Das Rückspiel“ ist in altdeutscher Schrift zu lesen: „Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen.“

Aus der Redaktion ist zu hören, dass die „Glasauge“-Verantwortlichen, zwei Pauschalisten namens Matthias Heine und Josef Engels, sehr fähige Feuilletonautoren seien. Mit ihrem Humorverständnis allerdings seien viele der Kollegen alles andere als glücklich. Auch spammen will gelernt sein.

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