Medien : Scharfe Bohnen, böse Bosse

Mexikos Fernsehbranche spielt ihre Western selber: Wie ein Sender seinen besten Partner überfiel – ganz real

Martin Jordan[Mexiko-Stadt]

Von Martin Jordan,

Mexiko-Stadt

Stellen Sie sich vor, RTL würde in einer Nacht- und Nebelaktion seinen Kölner Nachbarsender Vox besetzen. So etwas Ähnliches ist gerade in Mexiko passiert. Ob daran ein bewaffnetes Überfallkommando beteiligt war, darüber wird gerätselt. Fest steht, dass die Sendeanlage des kleinen Fernsehkanals CNI Canal 40 vor einigen Tagen von Leuten des mächtigen Konkurrenten TV Azteca in Beschlag genommen wurde. Seitdem sind auf Kanal 40 nicht mehr die Sendungen von CNI zu sehen, sondern ein Übergangsprogramm von TV Azteca. Klar ist auch, dass CNI seine Antennenanlage wieder zurück haben möchte, TV Azteca aber nicht daran denkt, die Besetzung abzubrechen.

Für Mexikos Fernsehwelt ist die unfreundliche Übernahme von CNI so spektakulär wie einmalig. Ihren Anfang nahm die Geschichte im Juli 1998, als die Besitzer von TV Azteca, Ricardo Salinas Pliego, und CNI, Javier Moreno Valle, eine zehnjährige kommerzielle Zusammenarbeit vereinbarten. Zwei Jahre nach Vertragsunterzeichnung kündigte Moreno Valle die Allianz aus heiterem Himmel auf. TV Azteca prozessierte, verlangte Schadenersatz und erhielt vor Gericht Recht, doch CNI erhob umgehend Einspruch gegen das Urteil. Schließlich setzte das Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer in Paris dem Rechtsstreit ein Ende und erklärte den unterschriebenen Vertrag für gültig.

Aber die zwei Kontrahenten interpretierten das Urteil völlig unterschiedlich, beide sahen sich im Recht. In den Tagen vor Weihnachten lieferten sich die Nachrichtensendungen der beiden Fernsehkanäle einen verbalen Schlagabtausch und attackierten sich gegenseitig. Kurz vor Silvester dann das Husarenstück von TV Azteca: die Übernahme der Sendeanlage von CNI und die Aufschaltung des eigenen Programms. Nun untersucht die Staatsanwaltschaft, ob dieser nächtliche Vorgang tatsächlich so friedfertig vonstatten ging wie es TV Azteca unermüdlich betont und mit Videoaufnahmen zu beweisen versucht.

CNI verbreitet eine ganz andere Version: Um zwei Uhr nachts sei heimlich eine bewaffnete Gruppe schwarz gekleideter Männer in die Sendeanlage auf dem Hügel Chiquihuite im Norden von Mexiko-Stadt eingedrungen. Die sieben Dienst habenden CNI-Angestellten seien überwältigt, gefesselt, bedroht und drei Stunden lang festgehalten worden, bevor sie mit einem Schweigegeld in der Tasche freigelassen wurden. Doch die Arbeiter schwiegen nicht und haben die Version der Erstürmung gegenüber den Untersuchungsbehörden bestätigt.

Für TV Azteca, die Nummer zwei in Mexikos Fernsehmarkt, steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Falls die Sendeanlagen von CNI wirklich von einem bewaffneten Überfallkommando mit Gewalt beschlagnahmt wurden, ist der Ruf des Mediengiganten dahin. Es würden strafrechtliche Konsequenzen drohen, und die feindliche Übernahme von CNI müsste wohl rückgängig gemacht werden. Das Ziel, Branchenleader Televisa mit einem zusätzlichen Kanal zu Leibe zu rücken, wäre wieder in weiter Ferne.

Doch TV Azteca droht, die sieben CNI-Angestellten wegen Falschaussage einzuklagen. Bereits eingereicht ist die Klage gegen den Moderator und CNI-Nachrichtenchef Ciro Gomez Leyva, dem bei der Berichterstattung über die Übernahme des Senders Verleumdung vorgeworfen wird. Auch CNI hat rechtliche Schritte gegen TV Azteca eingeleitet, ist aber dazu verdammt, das Ergebnis der Ermittlungen abzuwarten. Vergeblich hat der in finanziellen Schwierigkeiten steckende Kanal bisher versucht, der mexikanischen Regierung eine Stellungnahme abzuringen. Das Ministerium für Kommunikation, das zwar die Fernsehkonzessionen vergibt, stellt sich offenbar auf den Standpunkt, der Streit sei eine Angelegenheit unter Privatleuten.

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