Medien : Schau, trau – wem?

Der Papst oder das „Victory-Zeichen“: Bilder müssen passen, wenn sie sich positiv ins Gedächtnis der Menschen einprägen sollen

Bernd Gäbler

Mit Tod und Beerdigung des Papstes hat die katholische Kirche, der älteste „global player“ auf dem Gebiet der Tele-Visionen, gezeigt, über welch mobilisierende Medienkompetenz sie selbstbewusst verfügt. Wehende Talare, der Wind durchblättert das Buch der Bücher, Hunderttausende vereint im Gebet, Großbildleinwände für urbi und Satellitenübertragungen für den Erdkreis – vor allem aber: kein Jota Änderung am Ritus, nur weil da mal eben so viele Staatsoberhäupter zusammenkamen wie nie zuvor und nie wieder - und in der Mitte von allem steht eine einfache Holzkiste.

Das war einfach gigantisch gut inszeniert. Nicht als Trick, sondern durch zweitausendjährige Symbolkompetenz widerlegte die Kirche nebenbei die handelsübliche Medienkritik: Medien entfremden, Medien passivieren.

Nein, Millionen machten sich auf, wollten dabei sein, reisten tagelang, warteten zehn oder zwölf Stunden, reihten sich geduldig ein, bis sie am aufgebahrten Johannes Paul II. vorbeidurften, kurz beteten oder ein Handyfoto mitnahmen. Sie waren beseelt. Der Fernseher reichte ihnen nicht. Sie suchten Nähe, Gemeinschaft.

Die Kernkompetenz aller Religion liegt in der Begleitung der menschlichen Grundsituationen Geburt, Hochzeit und Tod. Bei der Geburt verstrickt sich der katholische Fundamentalismus sofort in eine Debatte über Verhütung, Abtreibung oder künstliche Befruchtung; Hochzeit als Synonym für Paarbildung, führt auf das raue Gelände der Sexualmoral; nur beim Tod ist die tröstliche katholische Sinnstiftung noch wahrhaft universell. Und der fundamentale Glaube mit seiner Dialektik von Trauer und Erlösung materialisiert sich in prächtiger Ästhetik.

Kein Wunder , dass die Beerdigung des allzeit mediengewandten Papstes das bisher größte globale Medienereignis, die Beerdigung von Lady Di, weit übertraf. Dabei gab es auch ein Risiko. Das christlich geprägte Abendland kennt nur einen Superstar: Jesus Christus. Das eigene Leiden in die direkte Nachfolge des Erlösers zu stellen, konnte sich nur der gottes- und marienfürchtige Papst leisten. Aber das letzte Bild des Lebenden: der entkräftete Greis, ans Fenster geschoben, röchelnd - war es wirklich selbstbestimmt und würdig? Erst der schlichte Zypressensarg überlagerte jeden Zweifel.

Dieses Bild war von dichter Symbolik, einfach, eindeutig. Es wird eingehen ins Gedächtnis der Welt. Es steht dahin, ob die Wirkung nachhaltig sein wird, die Pilger am Montag ihre Liebe beibehalten, der Transfer vom die Welt bewegenden Papst zur Institution Kirche gelingt, aber sie hat es geschafft, piktogrammgleiche Wegweiser in den Dschungel unendlicher Komplexität zu setzen. Dass sie damit der weltlichen Nüchternheit der evangelischen Konkurrenz überlegen ist, liegt auf der Hand. Aber die Bilder waren auch stärker als alles programmbegleitende Gebrabbel während der Übertragungen und in den Talk-Shows mit den üblichen Heiligen und Sündern.

Der Letzte, der dem Christusvergleich standhielt, war Che Guevara. Er lebte als Poster und Projektionsfläche. Aber auch dieses Bild war ein Kondensat.

Wer Massen bewegen, Emotionen entfachen oder Individuen ergreifen will, ist auf solche eindeutige Reduktion von Komplexität angewiesen. Nur stimmen muss die starke Bildersprache. Zum Glück haben viele Adressaten ein Sensorium für Kontext und Banalität bewahrt. Westerwelles „18“ auf dem Schuh war banal. Willy Brandts Kniefall in Warschau war großartig, Helmut Kohls Händchenhalten mit Mitterand einen Tick zu gewollt. Das „Victory-Zeichen“ im Wahlkampf 1998 unterstrich Schröders Siegeswillen, für den Deutsche Bank Chef Ackermann wurde die gleiche Geste zum Eigentor. Die Greenpeace-Kämpfer an den Schornsteinen machten etwas her, in die triumphale Geste des auf seinem Schiff thronenden Cap-Anamur-Chefs Elias Bierdel war die Instrumentalisierung der Geretteten schon eingeschrieben. Inszenierungen ganz ohne Wirklichkeit gehen meistens schief, und wenn der „spin“ überdreht ist, fällt das auch auf. Neben der Lust gibt es auch die Scham des Voyeurs, der sich dem Strudel der Bilder dann doch entziehen will.

Mobilisierend sind dagegen selbst die oft bis über den Rand des Obszönen hinaus wiederholten Bilder realer Ereignisse: vom 11.September bis zum Tsunami. Das Flugzeug im World Trade Center markiert eine Epochenzäsur; die Tsunami-Bilder machten nachvollziehbar, wie das anströmende Wasser zunächst unterschätzt werden konnte und mit welch ungeheuerliche Macht es dann sein Zerstörungswerk tat. Aus den Menschen wurden machtlose Opfer. Die Bilder wirkten. Fast alle wollten dabei sein, bei der Gemeinschaft der Helfenden. Spenden war das mindeste.

Brauchen deswegen immer mehr Institutionen immer simplere Bilder? Weder das Wasserwerk, noch das Bafög-Amt oder die Autobahnmeisterei sind darauf angewiesen. Aber sie sorgen dafür, dass unsere Gesellschaft läuft wie am Schnürchen. Selbst für die textorientierten Zeitungen sind Bilder nachrangig. Der Text bleibt das Medium für komplexen Sinn, Struktur, Verzweigung und Zusammenhang. Alle Sinne aber spricht er nicht unbedingt an. Da sind Bilder stärker.

Schon die Bundesagentur für Arbeit, Klaus Wowereit in seiner Funktion als Regierender Bürgermeister oder ein pisa-geläuterter neuer Schulunterricht könnten treffende bildliche Verdichtung gebrauchen. Denn auch Bilderarmut oder künstliche Konstruktionen sind verräterisch. Die Grünen stellen sich optisch stets unter Rückgriff auf den fröhlichen Ökologismus ihrer Frühphase dar; die SPD tut sich zur Zeit besonders schwer mit Symbolbildern: solidarische Arbeiter im Kampf für Hartz IV? Das geht eben gar nicht. Man sieht auch, dass etwas mehr Transzendenz heben würde. Oder nennen wir es weltlich: Perspektive.

Bald gibt es auch wieder politischen Bilderstreit. Kein Wahlkampf mehr ohne TV-Duelle. Dabei geht es in der Regel um Eindrücke. In Schleswig-Holstein war die NDR-Übertragung zunächst nur von regionaler Bedeutung. Gemäß dieser Dimension blieb auch Peter Harry Carstensen bei seinen Leisten. Hätte er sich etwa die Lässigkeit eines New-Economy-Managers zulegen wollen, wäre er gescheitert. Er hatte sich aber solide vorbereitet. So war nur eins spürbar, und das blieb haften: Heide Simonis unterschätzt ihren Kontrahenten.

Zum visuellen Duell wird es wohl auch vor dem Visa-Untersuchungsausschuss kommen. Ein Gestrüpp von Aktenzeichen, Briefen, Sitzungsprotokollen und Notizen erwartet uns. Bleiben wird ein Eindruck. Eine Fernsehübertragung ist da nur logisch. Für den Außenminister kommt es darauf an, eine angemessene Mischung aus Demut und Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Gefährlich ist für ihn nur, dass er Typen wie diesen vorlauten CDU-Jungspund Eckart von Klaeden wirklich nicht leiden kann. Hybris kommt vor dem Fall.

Joschka Fischer aber ist vertraut mit Ritualen, kennt Beichte und Buße. Dagegen ist von Klaeden ein blutarmer Lutheraner. Aus den staubigen Akten wird er sicher das Beste herausholen, den Kampf der Bilder aber gewinnen stets die sinnenfrohen Katholiken.

Bernd Gäbler war von 2001 bis 2004 Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts.

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