Schauspielerin Nadja Uhl : Die Frau mit dem extremen Etwas

Terroristin Brigitte Mohnhaupt und Terror-Opfer Gabriele Dillmann: Nadja Uhl ist eine Schauspielerin für Grenz-Rollen.

Katja Hübner
Nadja Uhl Foto: ARD
In "Mogadischu« spielt Nadja Uhl die Gabriele Dillmann. -Foto: ARD

Seit kurzem gibt es eine Liste mit den Namen der 30 beliebtesten Menschen aus Brandenburg. Nach Loriot, Regine Hildebrandt und Henry Maske steht dort Nadja Uhl auf Platz 4, noch vor Günther Jauch. Die Schauspielerin, so scheint es, bedeutet etwas für das Land.

Wir sind verabredet im Oberlinhaus in Potsdam, ein ungewöhnlicher Ort für ein Interview. Aber Nadja Uhl ist hier so etwas wie ein Stammgast. Seit zwei Jahren engagiert sie sich für den diakonischen Verein, der Menschen mit Behinderungen betreut. Nadja Uhl sitzt in der Cafeteria, unter Ärzten, Pflegern, Bewohnern. Sie ist eine Patin. Mit ihrem Namen wirbt sie für einen Neubau, in dem Unfallopfer therapiert werden können. Viele, die an ihrem Tisch vorbeigehen, grüßen sie. Ihre blonden Haare hängen glatt über die Schultern, sie trägt Jeans, Baskettballschuhe und einen schwar zen Rollkragenpullover. "Ich bin keine Wohltätigkeitsfee, die überall herumläuft und danach sucht, Gutes zu tun", sagt sie. "Man hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte - und ich fand es wichtig. Ich liebe diese Brückenschläge, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann." Das Angenehme sind die Begegnungen. Sie schaut in ein Zimmer und entdeckt für sich einen Sinn. Sie lernt Menschen kennen, die es sonst in ihrem Leben nicht gäbe. Für sie ist das wie ein Geschenk. Es ist auch der Vorzug ihres Berufs.

Am 30. November ist Nadja Uhl in dem ARD-Film "Mogadischu" zu sehen, der die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch vier palästinensische Terroristen im Jahr 1977 erzählt. Nadja Uhl spielt darin die Stewardess Gabriele Dillmann, die nach der Befreiung der Geiseln in Somalia als "Engel von Mogadischu" in die Geschichte einging.

Als Gabriele Dillmann trägt Nadja Uhl eine 80er-Jahre-Perücke aus vielen kleinen, blonden Löckchen. Ihre Haut ist blass, nahezu durchsichtig. Schon in den Fernsehfilmen "Das Wunder von Lengede" oder die "Sturmflut" nahm man sie so wahr - als zarte Ehefrau eines verschütteten Bergarbeiterkumpels oder als gebrochene Geliebte, die sich während einer Naturkatastrophe zwischen zwei Männern entscheiden muss. Man könnte fast meinen, die Transparenz ist so etwas wie ein Merkmal von ihr geworden. In Wirklichkeit jedoch sieht Nadja Uhl viel gesünder aus. Die Wangen sind rot, die Lippen farbig, die Augen fast noch blauer als auf der Leinwand. Wenn sie spricht, bewegt sie eine Hand vor und zurück, als wolle sie das eben Gesagte noch einmal doppelt unterstreichen. Sie redet viel, aber nicht über alles gern.

"Man kann nur stark sein, wenn man Wurzeln hat"

Zum Beispiel nicht über das Private. Einen Ehekrach findet sie unspannend, und über ihr Haus in Potsdam, der Villa Gutmann, gab es schon zu viele falsche Berichte. Von wegen 80 Zimmer! Sie hat sie neulich erst gezählt, es sind 30, und wenn sie in diesem Jahr dort einzieht, lebt sie auf einer Baustelle. "Mindestens zehn Jahre wird es noch dauern, bis es fertig ist", sagt sie. Ein Mehrgenerationenhaus. Als sie es zusammen mit Freunden kaufte, ging für sie so etwas wie ein Traum in Erfüllung. Einen Ort zu schaffen, an den man hingehört. Menschen um sich zu haben, mit denen man sich verbunden fühlt. Sie sagt: "Wahrscheinlich hat das mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich bin so aufgewachsen. Man kann nur stark sein, wenn man Wurzeln hat."

Geboren wurde Nadja Uhl 1972 in Stralsund. Sie lebte in einem Haus, in das nach dem Krieg zuerst die Großeltern einzogen, danach die Kinder und Kindeskinder. Dort lernte sie, dass Zusammenleben keine "Kaffeeveranstaltung" ist, dass so eine Gemeinschaft nur funktionieren kann, wenn jeder seine Freiräume hat. Als Schulmädchen probierte sie sich aus: Schießen, Ballett, Tischtennis und Turnen. In ihrer Beurteilung auf dem Schulzeugnis stand: "Nadja ist gern Teil einer Gruppe." Eine Kunstlehrerin erkannte ihr Talent, die anderen zu unterhalten. Sie schickte sie zur Laienspielgruppe ins Kulturhaus. Jeden Montag hatte sie nun ein Ventil für ihre Fantasie, von der einige damals dachten, sie habe zu viel davon. "Das war für mich das Highlight der Woche. Mit wehenden Fahnen bin ich zur Laienspielgruppe gelaufen", erzählt sie. Sie spielte Märchen für Kinder, Theaterstücke in Altenheimen, Episoden. Als die Leiterin sie eines Tages fragte, ob sie sich vorstellen könne, das Spielen zum Beruf zu machen, taten sich für sie neue Möglichkeiten auf. Sie konnte das tun, was ihr außerhalb der Schule am meisten gefiel. Plötzlich hatte sie so etwas wie eine Legitimation für die Zukunft: "Ich durfte erwachsen werden und trotzdem irgendwie Kind bleiben - je nachdem."

An der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" ist sie mit "Pauken und Trompeten" durchgefallen. Sie war wie versteinert gewesen, sagt sie. In Leipzig hingegen wurde sie genommen. Dort fand sie sich aufgehoben. Der Umgang mit den Bewerbern war gut. Nadja Uhl muss sich wohl fühlen in der Arbeit, mit ihren Partnern. Stimmen die Produktionsbedingungen, ist sie mit sich im Reinen. Sie sagt: "Wenn man bereit ist, sich für eine Rolle stark zu verausgaben, möchte man auch aufgefangen werden."

"Ich war froh, wieder nach Hause zu kommen"

Für den Kinofilm "Sommer vorm Balkon", in dem sie 2006 die Altenpflegerin Nike spielte, schickte sie der Regisseur Andreas Dresen vor Drehbeginn zwei Wochen lang in ein Pflegewohnheim. In der Zeit begriff sie, was dieser Job bedeutet. Sie erfuhr etwas über Vergänglichkeit. Dieses Gefühl hat sie mit in den Film genommen. In rosa Hosen, mit Comic-Oberteil und pinkfarbenen Plastikohrringen eroberte sie als buntes Knallbonbon auf dem Fahrrad die Stadt Berlin. Sie spielte so echt, dass alle dachten, der Mensch Nadja Uhl sei ihnen ganz nah. In Wahrheit aber ist keine Figur für die Schauspielerin je weiter weg gewesen. "Als ich Nike das erste Mal auf der Leinwand gesehen habe, sah ich eine völlig andere Frau", sagt sie.

Man könnte jetzt einfach behaupten, das sei die hohe Kunst des Schauspielens. Und sie ist es auch. Nadja Uhl vermag es, ihre Figuren greifbar zu machen und sich gleichzeitig hinter ihnen zurückzuziehen. Von ihren Rollen steckt sie sich immer etwas ein. Sie bleiben an ihr kleben. Von Nike brachte Nadja Uhl ein Türschild nach Hause und ihre Art, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Als sie letzten Herbst als Gabriele Dillmann für "Mogadischu" vor der Kamera stand, drehte sie zur gleichen Zeit den RAF-Film "Der Baader-Meinhof-Komplex", in dem sie die Terroristin Brigitte Mohnhaupt verkörpert. "Das Gegenüberstellen von Opfer und Täter war ein hochspannender Prozess für mich", sagt sie. Einmal wurde er für sie zur emotionalen Zerreißprobe: Nachdem in "Mogadischu" die Szene abgedreht war, in der "Landshut"-Kapitän Schumann erschossen wird, fuhr sie an einen Ort, an dem sie als Terroristin die Entführung der "Landshut" organisiert. An diesem Tag spürte Nadja Uhl eine Grenze in ihrem Beruf, die sie vorher nicht kannte. Die Gleichzeitigkeit dieser zwei Figuren hatte sie innerlich aufgewühlt. "Danach", sagt sie, "war ich froh, wieder nach Hause zu kommen."

Mitunter scheint es, als sei Nadja Uhl die perfekte Besetzung für extreme Rollen. Für die "Sturmflut" stieg sie im Neoprenanzug ins kalte Wasser, für "Mogadischu" saß sie stundenlang als Geisel in einem Flugzeug und im "Baader-Meinhof-Komplex" spielte sie eine kühle Frau mit Schusswaffe. Sie sagt: "Ich habe ein Faible für historische Stoffe, und für Orte, an denen Geschichte zu spüren ist."

In ihrem Haus in Potsdam wohnte bis Mitte der 30er Jahre eine jüdische Familie. Im Krieg war es ein Lazarett, danach Kinderklinik. Über das Haus ist Nadja Uhl neuen Menschen begegnet. Kürzlich war sie bei einem älteren Ehepaar eingeladen, das früher dort gearbeitet hat. Es zeigte ihr Fotos, sie tauschten sich aus. Nadja Uhl sagt, dass sie durch solche Gespräche etwas über das Denken und Fühlen anderer Generationen lernt - und dadurch etwas über sich selbst. Das ist wichtig für ihren Beruf. "Um in ein anderes Leben einzutauchen", sagt sie, "muss man bereit sein, viel über das Leben zu erfahren". Eine ihrer engsten Freundinnen ist 101 Jahre alt.

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