Medien : Scherzen bringt Schmerzen

Mit Harald Schmidt kommt es im ARD-Programm zur Verdrängung. Erstes Opfer ist der „Scheibenwischer“

Joachim Huber

Das wird nicht nur lustig. Wenn Harald Schmidt im nächsten Jahr regelmäßig in der ARD auftritt, dann löst er einen scharfen Verdrängungswettbewerb unter den bestehenden Sendungen aus. Zwei potenzielle Verlierer stehen fest: Erstens der „Scheibenwischer“ von RBB und BR, zweitens „Polylux“ vom RBB. Die Schmidt-Show wird mittwochs und donnerstags um 23 Uhr laufen. Um diese Zeit, an zehn Donnerstagen im Jahr strahlen bislang der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und der Bayerische Rundfunk (BR) den „Scheibenwischer“ aus, fünf Ausgaben verantwortet der BR, fünf der RBB. Mit dem 23-Uhr-Termin ist im Januar Schluss. Der „Scheibenwischer“ muss auf 23 Uhr 30 rücken. Verträgt das erste Programm, vertragen die Zuschauer so viel Humor? Erst Schmidt, dann „Scheibenwischer“?

Die Satiresendung musste mit dem Ausscheiden von Dieter Hildebrandt, „spiritus rector“ dieser „künstlerischen Form des Widerstands“, im Oktober 2003 bereits leiden. Der sehr gute Sendeplatz in der Prime Time wurde dem Programm weggenommen, was gegeben wurde, war die sehr späte Ausstrahlung um 23 Uhr, für die älteren Fans des „Scheibenwischers“ viel zu spät.

Dieter Hildebrandt, der offiziell von der Schiebung nichts weiß, sagte dem Tagesspiegel: „Wie üblich, ich weiß von nichts. Wüsste ich davon, würde ich es nicht mitmachen, würde ich direkt aussteigen.“ Er nennt es eine „Provokation: Es liefe in der Konsequenz, wenn der ,Scheibenwischer’ nach der Schmidt-Show laufen würde, auf eine Deklassierung des Formates hinaus.“ Hildebrandt hofft, dass „die Scheibenwischer-Frontleute Bruno Jonas, Georg Schramm und Mathias Richling sofort aussteigen, falls die Verschiebung tatsächlich eintritt.“ Der Kabarettist wünscht sich, dass in der ARD „endlich jemand den Mut hat, Struve dahin zu schicken, wo er immer schon hin wollte – nämlich nach Amerika“.

Mit Struve ist Günter Struve gemeint, er ist der ARD-Programmdirektor und für Hildebrandt ein Intimfeind, seitdem Struve den „Scheibenwischer“ nicht mehr zur besten Sendezeit im Ersten sehen wollte. Außerdem beabsichtigte Struve einst, für die ARD an die amerikanische Westküste, sprich Hollywood zu gehen und dort für den Senderverbund Gutes zu tun. Das wollten andere ARD-Hierarchen nicht, und Struve blieb, was er war: ARD-Programmdirektor.

Günter Struve ist der George W. Bush der ARD. Bis 2007 ist er noch im Amt, dann ist definitiv Schluss für den Mann aus dem Norden mit Amtssitz München. Bis 2007 arbeitet Struve an seinem großen Ziel: Mit dem ARD-Programm die Nummer eins in Fernseh-Deutschland zu werden, die lästige Privatkonkurrenz von RTL zu überholen. Das Engagement von Harald Schmidt ist nur eine weitere Perle, die Struve an die ARD-Kette hängt. Jörg Pilawa, Sandra Maischberger, Reinhold Beckmann, Monica Lierhaus, mit diesen Namen werden Programm und Quote gemacht. Die Engagments fixiert Struve nicht allein, natürlich nicht. Aber mit den „Ansagern“ im ARD-Reich, namentlich den Intendanten des reichen WDR und des reichen NDR, Fritz Pleitgen und Jobst Plog, wurde und wird die ARD aus einem föderalen System in eine zentralistische Einheit umgebaut. Für den Vorabend, den Sport und jetzt auch für die Unterhaltung existieren von den einzelnen Sendern losgelöste Redaktionen, die bei der ARD-Programmdirektion angedockt sind.

Die Struve-Doktrin ist klar: Bis 23 Uhr, besser noch bis Mitternacht bedeutet Fernsehen Kampf um jeden Zuschauer, danach kann die ARD so öffentlich-rechtlich sein, wie es die ARD-Leitlinien für die Programmgestaltung es so gut, so schön und so wahr ausdrücken. Struve hat es geschafft, dass das erste Programm nach der „Tagesschau“ um 20 Uhr 15 nur noch nur Unterhaltung und keine Information mehr anbietet. Jüngst wurden die politschen Magazine am Donnerstag auf 21 Uhr 45 verlegt. Da fallen sie meistens aus, wegen der Fußball-Übertragungen und in dieser Woche wegen der „Bambi-Gala“.

Unter dem Zentralsender ARD leiden die kleinen Anstalten, der Saarländische Rundfunk, Radio Bremen, der RBB. Sie verfügen nicht über die Macht, die sich aus dem jeweiligen Gebührenaufkommen speist. Der SR ist so schwach auf der Brust, dass sein Einmal-im-Jahr-„Tatort“ von der ARD-Einrichtung Degeto finanziert wird. Der RBB hat ein paar Sonntags-Krimis mehr, er hat das Magazin „Kontraste“ (was Struve donnerstags immer ausfallen lässt), er hat den „Scheibenwischer“ zur Hälfte (den Struve ins Aufmerksamkeitsloch schicken wird), er hat immer mittwochs um 23 Uhr 45 das Magazin „Polylux“ (was Struve nach Mitternacht verjagen wird). Der RBB aber leidet still. Sein Fernsehdirektor wird wie die anderen Fernsehdirektoren per Umlauf vom Schmidt-Engagement informiert.

Wo soll der Widerspruchsgeist auch herkommen? „Polylux“ wird zwar zum Großteil vom RBB finanziert, der überlebensnotwendige Rest kommt aus der ARD-Umlage. Zudem hält der RBB an Formaten fest, die sich längst überlebt haben, auch das ein Phänomen der kleinen ARD-Sender, die aus Angst vor der Verdrängung jede Veränderung am Althergebrachten scheuen. „Polylux“ zum Beispiel hat sich vor Zeiten mit dem Zeitgeist verheiratet. Der segnete das Zeitgeistliche, noch bevor „Polylux“ – zum Stolz des RBB – mit dem Prädikat „Hauptstadt-Magazin“ ins Erste aufrücken durfte. Günter Struve nimmt das hin. Er hat Harald Schmidt und damit das Mittel, mit dem er Formate wie „Scheibenwischer“ und „Polylux“ den leisen ARD-Tod sterben lassen kann: den Tod durch Vergessen.

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