Medien : „Schicken Sie doch eine E-Mail“

Abgesagte Termine, tote Telefone, vage Auskünfte – der Pressealltag im Irak

Susanne Fischer[Bagdad]

Der französische Journalist ist der Erste, der die Beherrschung verliert. „Wissen Sie, wie lange ich gebraucht habe, um hierher zu kommen? Der halbe Tag ist hin, für nichts!“ Ein Schwall französischer Schimpfwörter folgt, ergänzt durch Flüche über die zeitraubenden Sicherheitschecks: dreimal den Pass vorzeigen, sich zweimal abtasten lassen, zweimal die Tasche ausräumen, der nervige Weg durch das staubige Stacheldraht-Labyrinth vom Parkplatz bis zur Tür, alles vergeblich, denn die für 14 Uhr angesetzte Pressekonferenz („Bitte eine Stunde vorher da sein!“) im Pressezentrum der Koalitionsstreitkräfte im Irak (CPIC) ist abgesagt worden. Warum, weiß niemand. Sergeant Ingham, offiziell der Presseverantwortliche und unter Journalisten längst als „toter Briefkasten“ berüchtigt, trohnt hinter seinem Schreibtisch, als gehe ihn das alles nichts an. Was es zu sagen gibt, hat er schriftlich unter der Glasplatte hinterlegt: „Legen Sie Ihre Sachen nicht auf den Schreibtisch.“ Und, noch wichtiger: „Wenn wir dieselbe Frage das zweite Mal mit Nein beantwortet haben, betrachten wir die Unterhaltung als beendet.“

Ein Amerikaner, ein Brite und ein Deutscher stimmen ein in die Tirade des Franzosen. „Gehen Sie mal raus und sehen sich den Verkehr an in der Stadt“, brüllt der Amerikaner, „ich habe zweieinhalb Stunden im Stau gestanden für diesen Termin.“ Sergeant Ingham erhebt sich, fast zwei Meter Mann in Uniform geraten in Bewegung, unwirsch blickt er hinter seiner viereckigen Brille hervor, wirft den Journalisten ein knappes „Sie hätten ja vorher anrufen können“ hin und verschwindet in einer Tür mit der Aufschrift „Nur für befugtes Personal“. Die wütenden Journalisten werden noch wütender: „Anrufen? Wo denn? Wenn Ihre amerikanischen MCI-Handys fast nie zu erreichen sind, und es kein normal funktionierendes Telefonnetz gibt?“ Von Ingham ist noch ein „Ich habe keine Ahnung“ zu hören, dann knallt die Tür ins Schloss. Matt fällt der Franzose auf ein Sofa, über dem ein Zettel an der Wand auf einen berühmten Besucher hinweist: „Geraldo Rivera von Fox News hat hier am 23. August 2003 geschlafen“. Ob auch er aus Verzweiflung über Ingham niedersank? Pressealltag in Bagdad.

Ins Land sind die Amerikaner unter anderem gekommen, um Demokratie zu lehren. Die Pressefreiheit aber, in der amerikanischen Verfassung ganz oben, steht wohl erst später auf dem Lehrplan. Das Informationszentrum der Koalitionsstreitkräfte jedenfalls macht seinem Namen wenig Ehre; in jedem Internetcafé lässt sich über die Amerikaner in Bagdad mehr in Erfahrung bringen. Dort muss, wer mit den Amerikanern kommunizieren will, sowieso ständig hin. Denn für den Kontakt mit den zuständigen Pressereferenten – es soll sie tatsächlich geben – wird einzig eine E-Mail-Adresse angegeben. Das läuft dann so: Im CPIC hängt eine Ankündigung, am Donnerstag um halb sieben Uhr abends finde ein Gedächtnisgottesdienst für die beim Abschuss des Hubschraubers getöteten Soldaten statt, in der Riffles Base Veteran’s Chapel. Wo aber ist diese Kirche, und wie kommt man da hin? „Bitte wenden Sie sich an tammy.galloway@us.army .mil“. Sie möchten sich bei einer US-Einheit „embedden“ lassen, also als Journalistin mit den Soldaten ein paar Tage Seite an Seite unterwegs sein? Kein Problem, zuständig ist Captain Monica Walden. Doch selbst wenn, in einem raren Moment des Glücks, nicht Sergeant Ingham, sondern Monica Walden leibhaftig vor einem steht, sagt sie nur: „Schicken Sie doch eine E-Mail an folgende Adresse …“

Tatsächlich trudeln, nach ein paar Tagen, gleich ein Dutzend E-Mails aus dem Pressezentrum ein, doch leider sind sie, bis auf etwa hundertfünfzig Kollegen-Adressen im Verteilerkopf, leer. Dann kommen noch mal vier Nachrichten, diesmal steht sogar etwas drin: „Der geplante Pressebesuch in dem von den Koalitionskräften entdeckten Munitionsdepot muss verschoben werden“, vom 29. Oktober auf den 4. November auf den 6. auf den 8. Weiterhin Interessierte wenden sich bitte per E-Mail an …“

Verantwortlicher verzweifelt gesucht – ähnlich müssen sich die Amerikaner bei ihrer Fahndung nach Saddam Hussein bisweilen fühlen. Immer wieder Gerüchte, dort sei er zu finden, oder jener wisse etwas, oder dieser könne garantiert Auskunft geben. Und wenn sie hinkommen: wieder nichts. Angeblich soll es weitere Büros der amerikanischen Armee für Öffentlichkeitsarbeit geben in der Stadt. Eines davon, wie ein US-Soldat vor einer Polizeiwache mit Nachdruck empfiehlt, „am Flughafen, vor dem Terminal die letzte Straße rechts“. Auf zum Flughafen also. Oder jedenfalls bis zum ersten Checkpoint sechs Kilometer davor, wo in zwei Schlangen Lkws mit Bauarbeitern auf ihre Abfertigung warten, während durch eine dritte, „nur für Militär“, die Humvees und Panzer rauschen. Vorsichtiges Herantasten an den ersten sichtbaren Soldaten. „Pressebüro? Am Flughafen? Keine Ahnung.“ Er fragt über sein Walkie-Talkie nach.

Die Antwort klingt zunächst viel versprechend. Ja, natürlich könnten wir zum Flughafen fahren, auch auf dieser, der privilegierten leeren Spur. Allerdings bräuchten wir dafür eine Militäreskorte. „Und wo bekommen wir die?“ Der Soldat fragt über Funk noch einmal nach. „Keine Ahnung“, lautet die vertraute Antwort, und ein Verdacht drängt sich auf: Der Mann am anderen Funkgerät wird doch nicht Sergeant Ingham sein?

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