Medien : „Schily. Macht. Ordnung“

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Rührt euch, möchte man die Gesichtsmuskeln Otto Schilys ermuntern, doch diese Politikermaske scheint längst eingefroren. In dem ARD-Porträt mit dem schönen Titel „Schily. Macht. Ordnung.“ (ARD, 21 Uhr 45) wagt sich die Kamera einmal sehr, sehr nahe an das Gesicht des Bundesinnenministers heran, aber hinter die Maske zu blicken, gelingt auch mit dieser Technik nicht. Nur ein paar Altersfurchen werden in aller Schärfe sichtbar. Schily gilt als besonders unnahbar, dabei sind es gerade die Risse, die Brüche in seinem Leben, die diesen SPD-Politiker so interessant machen: Otto Schily, der Fabrikantensohn, der RAF-Terroristen verteidigte und sich später als Grünen-Politiker bei Sitzblockaden von der Polizei wegtragen ließ. Und der nun am Tisch des Schröder-Kabinetts den Hüter von Recht und Ordnung gibt. „Die politischen Prioritäten haben sich bei Schily verschoben. Weniger verändert ist sein Typ, sein unbedingter Leistungswille und autoritärer Führungsstil“, urteilt Filmautor Jürgen Thebrath. Dabei gelingt ihm und seinen Co-Autoren Robin Lautenbach und Marcel Kolvenbach eine wirkungsvolle Irritation gängiger Schily-Klischees mit einem Rückgriff auf das Jahr 1997: Otto Schily, der am Rednerpult des Bundestags mit den Tränen ringt, weil er seine Position in der Wehrmachtsdebatte mit dem Schicksal der eigenen Familienmitglieder begründen will.

Neben Kanzler Schröder, Außenminister Fischer, Grünen-Chefin Claudia Roth und seinem Bruder Konrad kommt in dem Film natürlich auch Otto Schily selbst zu Wort. „In meinem Ministerium kann jeder tun, was ich will“, zitiert er einen Spaß aus dem eigenen Hause. Doch wie er das sagt, mit der gleichen unbeweglichen Miene, mit der er auch von seinen Hungerödemen nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet, da weiß man schon, dass seine Mitarbeiter am wenigsten darüber lachen können. „Wir haben ihn häufiger brüllen hören“, erinnert sich Thebrath. „Er ist furchtbar autoritär“, bestätigt Joschka Fischer. Abseits des Politikrummels blitzen andere Seiten auf: der Vater, dessen leuchtende Augen auf den beiden Töchtern ruhen, und der Toskana-Urlauber, der dem Filmteam beim Verlassen seiner Lieblings-Trattoria ein munteres „Ciao“ zuschmettert. tgr

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