Medien : Schily ohne Schuhe

„Talk der Woche“: Bettina Rust lockte selbst den sperrigen Minister aus der Reserve

matthias Kalle

Es kann so einfach sein – das mit dem Fernsehen und der Unterhaltung, manchmal reicht ein Satz und der Zuschauer denkt: „Sagenhaft. Was war denn das jetzt, bitte?“ Wenn also Otto Schily in einer Fernsehsendung über seine Familie den Satz sagt: „Aber wir sind keine Muslime“, und alle lachen und er selbst muss spitzbübisch grinsen – war dann diese Fernsehsendung gut oder schlecht? Oder ist es so einfach am Ende dann doch nicht?

Also schön, der Reihe nach: Sonntagabend um halb elf lief auf Sat1 die erste Ausgabe des neuen „Talks der Woche“. Die Sendung ist wichtig für Sat1, sie muss dem Sender Profil verleihen, ein besseres Image besorgen und ein Gewicht geben, möglicherweise sogar ein politisches, obwohl alle, die mit „Talk der Woche“ zu tun haben, sagen, dass es keine politische Talkshow sei. Was dann endlich am Sonntagabend stattfand, das war auch tatsächlich keine politische Talkshow, und das kann man als Kompliment verstehen. „Sabine Christiansen“ ist eine politische Talkshow, die Sendung läuft bald parallel, aber im Moment ist Sommerpause und deshalb bleibt einem jetzt auch ein Vergleich der beiden Moderatorinnen erspart, in dem es dann doch nur um Kleidung, Durchsetzungsfähigkeit und Schlagfertigkeit gehen würde, aber nicht um dass, was für das Leiten einer Talkrunde eigentlich das Wichtigste ist: das Leiten einer Talkrunde. Bettina Rust jedenfalls, deren Berufung für die Moderation von „Talk der Woche“ eine Sensation war, war natürlich nervös, aber nicht zu sehr, und sie schaffte es dann eben doch, dass die, die eingeladen waren, sich wohl fühlten. Es war nicht das Einzige, was gut geklappt hat.

Eingeladen waren Bundesinnenminister Otto Schily, Harald Schmidt und Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“ und ein Herausgeber dieser Zeitung, und die Idee, nur einen Politiker einzuladen, erwies sich als eine gute, denn so wurde der Zuschauer nicht genervt von den üblichen Sticheleien, die man aus solchen Runden kennt. Überhaupt nervte „das Übliche“ selten, was an dem Tempo der Sendung lag: Vier Themen sollten besprochen werden und zwar so, dass niemand überfordert wird. Das tat der Grundstimmung gut, die Gäste wirkten entspannt, das half Bettina Rust.

Wie war der Erkenntnisgewinn? Schmidt sagt, dass man Brutto und Netto verwechsle, komme ja vor allem in seiner Branche dauernd vor; Schily sagte, dass er nie einen Berater gebraucht habe; Rusts Souveränität wuchs an ihrem Umgang mit Schily, der es anderen nie leicht macht; die Zuschauer klatschten vielleicht ein wenig zu oft.

Natürlich ist „Talk der Woche“ Unterhaltung – trotzdem kann man sich über und unter Niveau unterhalten, in diesem Fall meist über. Wenn Rust zu Angst und Terror fragt, was beides denn „für Sie persönlich“ bedeute, dann wirkt das weder aufdringlich – dann will man das jetzt tatsächlich auch mal wissen, und es ist dann eben doch interessant, wenn Schily erzählt, dass seine Tochter am 11. September 2001 in New York gewesen sei und er aber doch – was Angst und Terror angeht – für „Gelassenheit und Coolness“ plädiert. Und es wirkte bei diesem ernsten Thema überhaupt nicht deplatziert, als Schmidt sagte, er finde die Idee des präventiven Wegsperrens eigentlich ganz gut – für einen großen Teil der Bevölkerung. So etwas kann manche Talkrunde aus der Fassung bringen, diesmal nicht, eine Stunde lang demonstrierten die Protagonisten tatsächlich Gelassenheit und Coolness. Das Unaufgeregte tat gut.

Den ernstesten Moment gab es, als es um den neunfachen Babymord einer Frau aus Brandenburg ging und über das, was Jörg Schönbohm dazu gesagt hatte. Schily widersprach Schönbohm auf das heftigste, Schmidt sagte, dass er solche Meldungen gar nicht erst an sich heranlasse und di Lorenzo brach das, was Schönbohm gesagt hatte, ohne ihn zu verteidigen, auf die einfache Frage herunter: „Warum will keiner was merken?“ Und das war ein wichtiger Moment, weil eine Tür aufgemacht wurde, die in deutschen Talkshows sonst verschlossen bleibt: nämlich anstatt halbgare Antworten zu geben, einfach mal schlaue Fragen zu stellen, die beim Zuschauer nachwirken könnten. Tatsächlich gab es bei diesem Thema, bei der medialen Aufgeregtheit schlicht und einfach nicht mehr zu sagen.

Am Ende dann ging es um Fußball, nein, eigentlich ging es um nichts mehr, denn plötzlich saßen da drei Männer, deren Augen leuchteten und eine Moderatorin, die sagte: „Ich bin ein kleines, unsicheres Mädchen bei diesem Thema“ – die nötige Portion Charme eben. Und die war es dann vielleicht auch, die Otto Schily dazu brachte, Bettina Rust zum nächsten Heimspiel von Hertha BSC einzuladen. Und sie brachte Schily zu seiner Schilderung, dass man bei ihm zu Hause die Schuhe auszuziehen habe, das sei so eine „muslimische Sitte. Aber wir...“ (siehe oben).

Und das war einer der vielen guten Momente, die man eben dann doch viel zu selten im deutschen Fernsehen hat: überraschende, kurzweilige, interessante, lustige. Fernsehen kann manchmal ziemlich einfach sein. Es ist nur verdammt schwer, sich diese Einfachheit auch zu trauen.

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