Schirachs "Verbrechen" im TV : Wenn Energie kriminell wird

Das ZDF verfilmt Ferdinand von Schirachs „Verbrechen“. Um Moral und Gerechtigkeit geht es nicht.

Nikolaus von Festenberg
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„Tatort“ und dann ab in die Berliner Ausnüchterungszelle zu „Günther Jauch“, bis die Augen unerbittlich zufallen? So bleibt man hübsch ARDig. Aber es gibt den Zweiten-Weg in die sonntägliche Fernsehnacht, der führt via Mainz ins Ausland. Das Böse schläft nie, und der frische Fuffziger ZDF unterhält seit Jahren ein mörderisches Gruselkabinett, voll mit exquisiter Kolonialware. Skandinavische Problemfichten wie die Kommissare Beck, Lund und Wallander ächzen tapfer in den nordischen Nebeln aus Einsamkeit und Alkoholgefährdung. Der britische „Inspektor Barnaby“ erinnert daran, dass der Geist von Agatha Christie unbegrabbar ist. Nun aber bringt ausgerechnet ein heimisches TV-Produkt frische Würze in den Schurkenstadl. Schwarz-Rot-Gold mit richtig schwarzem Schwarz.

54 Wochen stand Ferdinand von Schirachs Erzählband „Verbrechen“ auf den Bestsellerlisten und wurde in über 30 Länder verkauft. Jetzt werden insgesamt sechs der preisgekrönten Kurzgeschichten als Miniserie im Fernsehen ausgestrahlt. Drei Sonntage hintereinander zeigt das ZDF vom 7. April an im Doppelpack zwei 45-minütige Folgen, die auf der Anthologie des Berliner Strafverteidigers und Schriftstellers basieren.

Schirach zeigt: Blut und Bodenlosigkeit des Verbrechens verwandeln sich auf den Schreibtischen der Juristen in eine Welt aus Papier und ausgekochten Winkelzügen. Die Umgehung des Gerechtigkeitsgefühls bei der Herstellung von Gerechtigkeit ist hohe professionelle, elegante und gerissene Kunst, gegen die Mord und Totschlag primitiv, amateurhaft und humorfrei wirken.

„Geschriebenes Kino in Kurzformat“ nannte der „Spiegel“ Schirachs Kurzgeschichten. Klingt easy, aber die Umsetzung in einen Film ist es nicht. Die knappen lakonischen und auf Fabelpointe getrimmten Texte geben ihre Bilder nicht frei. Milieuschilderungen in prekären Ausländerfamilien, Leichenzurichtungen, instrumentalisierter Sex und hemmungslose Brutalität erzeugen im Zuschauer vielleicht Abscheu, aber es geht Schirach nicht um emotionale, gar psychologische Verarbeitung, sondern um die wunderbar beschränkte Wahrnehmung der bösen Taten durch das – der Soziologe Niklas Luhmann hätte es autopoietisch, sich selbst erzeugend genannt – System Justiz.

Der Held von „Verbrechen“ ist der Berliner Anwalt Friedrich Leonhardt, und der Produzent Oliver Berben erhielt den Verfilmungszuschlag des Autors, als er einen ganz unpreußischen Darsteller, den bayerischen Ausnahmeschauspieler Josef Bierbichler für diese Rolle präsentieren konnte. Bierbichler ist in dieser Serie wandelndes Understatement mit schickem Hut, diskretem Büro und einer murmelnden Bassstimme, die kein Wort zu viel von sich gibt. Nur um den Mund herum flackert gelegentlich eine Amüsiertheit auf, wenn die Mandanten ihre abenteuerlichen Geschichten vortragen. Ob sie gelogen sind oder nicht, hat den Anwalt nicht zu interessieren, sondern nur, ob sie vor Gericht bestehen. Für die Herstellung von Moral und Gerechtigkeit sind andere zuständig.

Berben hat die Serie unter Mitarbeit von Jan Ehlert gemeinsam mit den Autoren und Regisseuren Jobst Oetzmann, Nina Grosse, André Georgi und Hannu Salonen für das ZDF entwickelt. Sie alle geben sich als ausgewiesene Fernsehprofis zu erkennen, Qualitätsunterschiede sind den einzelnen Episoden nicht anzumerken.

Gleich der Auftakt unter dem Titel „Fähner“ zieht alle Register der schwarzen Fernsehkunst. Friedhelm Fähner (Edgar Selge) ist praktischer Arzt in Rottweil, nicht gerade arm, keine Kinder, ein passionierter Gartenfreund mit Faible für alles Pomologische. Nur leider gibt es da seine Frau Ingrid (Annette Paulmann). Die ist zwar äußerlich eine rosig-rundliche Frucht, aber unter der Schale schmeckt sie nach bitterem Gallapfel. Die kurze Zeit der Liebesblüte ist längst vorbei. Ingrid raucht wie ein Schlot und beschimpft den armen Friedhelm sehr ordinär.

Eines Tages ruft Friedhelm seinen Quälgeist in den Keller und erschlägt ihn mit der Axt. Das Blut spritzt, Ton und Bild ersparen dem Zuschauer nichts. Friedhelm holt die Polizei. Friedhelm ist geständig. Friedhelm zeigt Schuldbewusstsein. Friedhelm ist bei allen beliebt. Friedhelm erklärt, er liebe seine Frau weiter so, wie er es ihr am Beginn der Ehe versprochen hat. Er hätte Ingrid zur Therapie bewegen wollen, aber sie lehnte das ab. Dann sei ihm klar geworden, dass die Axt im Hause den Seelenklempner ersetzen muss. Im Namen der versprochenen Liebestreue schlug er Ingrid in Stücke, sagt er dem Richter. Es gibt Höheres als das Leben, das unsterbliche Ideal der Ehe. Friedhelm hat ihm gedient. Er ist schuldig und unschuldig zugleich. Wie, bitte?

Man muss dem Fähner-Darsteller Edgar Selge ins Gesicht gucken. Der Prinzipienwahn des Kleist’schen Rechthabers Michael Kohlhaas blickt einen an, die Verbitterung eines Einsamen. Oder? Ist alles nur herrlich-gemeines Theater? Man muss glauben, so oder so, keine Erkenntnisse helfen, das höhere Geheimnis der bösen Tat bleibt unentdeckt.

Das Gericht entscheidet sich für Milde (Bewährung), dem Anwalt Leonhardt ist das natürlich recht. Herrliche Äpfel landen später im Büro des Advokaten – schöne Grüße von Fähner. Hört man den Teufel lachen? Hannu Salonen (Regie) und André Georgi (Drehbuch) haben ganze Arbeit geleistet und den Zuschauer in 45 Minuten in die unruhigen Weiten der Ambivalenz geführt.

Auch „Tanatas Teeschale“ (Buch und Regie: Christian Oetzmann), der zweite Schirach-Film am heutigen Sonntag, ist ein Meisterwerk prägnanter Fernsehkurzerzählung. Du sollst nichts klauen, was du nicht kennst, heißt die Lehre, und schon mal gar nichts von Japanern.

Samir, Özcan und Manólis, drei Azubis auf dem Weg zum Kleinkriminellenabschluss, stehlen in einer Berliner Villa einem japanischen Millionär eine wertvolle Teeschale von 1581, in der nicht weniger als das Herz des alten Japans liegen soll. Die Diebe werfen sich unwissend und entsprechend ehrfurchtslos die Preziose zu. Sie brauchen eine Lektion in Respekt vor der Würde großer Kunst. Sie werden sie bekommen, grausam, aber indirekt und unvergesslich für die weitere Karriere. Bierbichlers Leonhardt wird als Vermittler bei der Wiederbeschaffung eingeschaltet. Er macht sich großartig im japanischen Ambiente.

Der Krimikonsument empfindet es als Wohltat, wenn er mal wieder zusehen darf, wie Filmprotagonisten sich als Profis im Sumpf des Bösen verhalten, abgegrenzt und ohne das Totalitäre der Identifikationsabsicht. Niemand agiert hier wie der tschillernde Til Schweiger, keiner macht sich zum Clown wie die Münsteraner Spaßpolizisten.

Das Eigenleben des Gesetzlichen und das Eigenleben des Ungesetzlichen werden erkennbar, Verbrechen und Verbrechensbekämpfung haben ihre jeweils eigene geheimnisvolle Erhabenheit. So erzeugt diese gut gelungene Miniserie neben allem Schrecken auch eine große Heiterkeit. Man kann sie auf Bierbichlers Gesicht erkennen und genießen. Man kann beruhigt zu Bett gehen. Ohne Jauch.

„Verbrechen: Fähner/Tanatas Teeschale“, ZDF, 22 Uhr

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