Medien : Schlachtfeld-Muzak

Das ZDF rekonstruiert die „Hölle von Verdun“

Caroline Fetscher

„Wie vergänglich Begeisterung doch ist“, schreibt ein Soldat aus dem Stellungskrieg von Verdun in einem Brief an seine Familie. Um ihn her starben Kameraden und wurden verscharrt, andere trug man verstümmelt oder verätzt vom Feld. 300 000 junge Männer aus Frankreich und Deutschland verloren in der „Materialschlacht“ ihr Leben. Im Februar 1916 begann die „Hölle von Verdun“, die der heute angesetzten ZDF-Produktion den Titel verlieh. Diese Hölle endete am 20. Dezember desselben Jahres, vor neunzig Jahren, als um Verdun nach den Grabenkriegen nurmehr Gräber übrig waren.

„Das Inferno von unten“ versprechen die Autoren Oliver Halmburger und Stefan Brauburger, deren „Szenische Dokumentation“ unter der Leitung von Guido Knopp entstand, dem mehr oder weniger konkurrenzlos dastehenden History-Monopolisten des deutschen Fernsehens, was Quote und Frequenz seiner Produktionen betrifft. Den Garanten für das „Von unten“ bildet eine Fülle von Fragmenten aus Tagebüchern und Briefen der Beteiligten beider Seiten des Krieges, verlesen aus dem Off. Dazu sieht man, in Farbe, „szenische Rekonstruktionen“. Man sieht etwa den jungen Ehemann, wie er zum Abschied seine schöne Frau umarmt und dann ein selbstgemaltes Bild des Söhnchens belächelt. Zu sehen ist der Briefträger in blauer Uniform, der an eine hölzerne Haustür klopft, die Briefe von der Front im Postsack. Abwechselnd mit den „Rekonstruktionen“, deren Kriegsszenen bei Breslau gedreht wurden, tauchen originale Schwarzweißaufnahmen von der Front auf. Verschlammte Schützengräben, an deren Wänden Soldaten hochkraxeln, wilhelminische Schnauzbärte, Pickelhauben, Kanonenrohre, und die in Lumpen gehüllten Leichen junger Männer.

Es soll im Film, wie auch der Begleittext von Guido Knopp zum „Gemeinsamen Trauma von Franzosen und Deutschen“ erklärt, nicht so sehr mehr darauf ankommen, wer wem was antat. Vielmehr soll ersichtlich werden, dass für alle Soldaten „die da oben“ – die zynischen Generäle von Falkenhayn und Pétain, die Offiziere, die Regierungen – die eigentlichen Feinde wurden, und dass am Ende dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ nur Verlierer blieben. Zu diesem an sich guten Zweck wird die Hölle von Verdun heraufbeschworen. Aber wie. An der Front der Suggestion und Sogkraft tauchen die Zuschauer in einen Bilderwirbel aus Helmen, Gräben, Artillerie und Explosionen, begleitet von den mit Pathos verlesenen, teils erschütternden Texten derer, die mitten im Geschehen Kraft zum Beschreiben gefunden hatten. „Schicksal“ reiht sich an „Schicksal“, und im Schlund der postpolitischen Darstellung röhrt und dräut vor allem eines, pausenlos, ostinat, wabernd: eine dramatische, alles dunkel einseifende Filmmusik. Celli, Violinen, Blechbläser und Pauken untermalen – eher aber: übermalen – buchstäblich jede Szene, jede Minute.

Komponiert hat die Schlachtfeld-Muzak Markus Lonardoni, einst Schüler des großen Hans Werner Henze, heute aber kommerzieller Klangteppichweber unter anderem für „Tatort“-Filme und „Polizeiruf 110“. Grenzt bereits das Szenen-Patchwork mit unterlegter Zitatcollage an eine ethische und ästhetische Zumutung, dann löst dieser arglos-unreife oder kalkulierte und manipulative Klangnebel die intendierte Sinnstiftung vollends auf. Leider.

„Die Hölle von Verdun“, ZDF, heute um 20 Uhr 15

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