Medien : Schläge, keine Treffer

Inneres Erleben: Start einer vierteiligen Reihe mit Werken des Regisseurs Carl Theodor Dreyer

Hendrik Feindt

Der Kontrast zu dem grellen Grün, das in diesen Tagen die Mattscheiben beherrscht, könnte kaum eindringlicher sein: Immer wieder hatte der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1889-1968) für seine Filme ein leicht gedämpftes Bild in sanften Grau- und Schwarztönen gefunden und sich dabei, wie Filmhistoriker vermuten, von den Farbwerten niederländischer Malerei leiten lassen. Drei der fünf Spielfilme, die Dreyer in der Ära des Tonfims gedreht hat, sind nun auf Arte wieder zu sehen. Dreyers Filme haben immer verstört. Da war eine Kargheit des Dekors, die seine Filme um so reichhaltiger macht. Da war viel Dialog, was nie ins Geschwätzige gerät. Und da war ein Rhythmus, der nicht schleppt, sondern so gemessen ist, daß er majestätisch daherkommt. Kein Wunder, dass Dreyer das europäische Autorenkino beeinflusste. Bei einigen Einstellungen könnte man meinen, ein Werk von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub vor sich zu haben. Dreyer unterdrücke die äußeren Zeichen des inneren Erlebens, heißt es in einer vielzitierten Dissertation: „Die Figur, die Schläge eingesteckt hat, verliert, ohne sich getroffen zu zeigen, plötzlich die Fassung und fällt wie ein Klotz zu Boden.“ Der Moment, aus der Fassung zu geraten, ist auch ein Moment der Emanzipation aus den gesellschaftlich zugewiesenen Rollen. Urplötzlich bildet sich ein Wahnsinniger nicht mehr ein, von einer anderen Welt zu sein („Das Wort“, 1955). Urplötzlich bezichtigt sich eine Frau der Hexerei, weil die Ordnung der Welt ihrer Liebesfähigkeit keinen Raum gibt („Tag der Rache“, 1943). Und urplötzlich erscheint es, wenn eine Ehefrau von der Freiheit Gebrauch nimmt, ihrer Ehe zu entsagen („Gertrud“, 1964). Für Filmexperten ist „Gertrud“ die größte Liebeserklärung an die Frau in der Geschichte des kinematographischen Mediums.

„Gertrud“, Arte, 22 Uhr 10, „Tag der Rache“, 21. Juni, 23 Uhr 25, „Das Wort“, 28. Juni, 22 Uhr 40; der Stummfilm „Michael“, 30. Juni, 0 Uhr 35

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