Medien : Schlaflos in Deutschland

Die Fernsehzuschauer bleiben am Wahlabend bis spät in die Nacht vor dem Schirm

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Von Joachim Huber

Viele Fernsehzuschauer werden sich nach dem Wahlabend die Augen gerieben haben. Da die Mehrheiten am Sonntagabend hin und her wechselten, wurde sehr viel länger ferngesehen, weit über Mitternacht hinaus. Offensichtlich wollten zahlreiche Wähler nicht ohne die Gewissheit, das Endergebnis zu kennen, zu Bett gehen. So konnte die ARD nachts um 1 Uhr 30 noch eine Million Zuschauer anlocken. Die Talkshow „Sabine Christiansen“, die erst um 22 Uhr 12 startete, erreichte mit 5,1 Millionen Zuschauer einen Spitzenwert – und das ohne den angekündigten FDP-Vize Jürgen Möllemann.

Am Wahlabend wurde länger eingeschaltet, und es liefen mehr Fernsehgeräte als an einem durchschnittlichen Sonntag. Der Rekordwert wurde um 21 Uhr mit über 36 Millionen Zuschauer gemessen. Verglichen mit einem durchschnittlichen Sonntag wie dem 15. September bedeutet dies ein Plus von mehr als drei Millionen Zuschauer.

Der Wahlabend – ein Fernsehabend: Nach ARD-Angaben war nicht die „Wahlbeteiligung“ der Fernsehzuschauer außergewöhnlich hoch, sondern auch die Verweildauer vor dem Bildschirm. Im Schnitt schalteten die Bürger vier Stunden und zwölf Minuten lang ein, um sich mit Hochrechnungen, Analysen und Stellungnahmen der Spitzenpolitiker ein Bild vom Wahlausgang und seinen Konsequenzen zu machen.

Sortiert man die Einschaltquoten nach Sendern, dann haben die öffentlich-rechtlichen Programme den Wahlkrimi für sich entscheiden können. Die Momentaufnahme der Hauptnachrichten zeigt folgendes Bild: Die ARD-„Tagesschau“ um 20 Uhr erreichte 10,90 Millionen Zuschauer, bei „heute“ im ZDF waren es eine Stunde zuvor 7,08 Millionen. „RTL aktuell“ um 18 Uhr 45 sahen 3,85 Millionen, 1,51 Millionen verfolgten bei Sat1 die „18:30“-Nachrichten.

Den ersten Platz hat die ARD kaum verdient, bedenkt man, dass das Erste die schlechteste 18-Uhr-Prognose für den Ausgang der Bundestagswahl lieferte: Infratest dimap hatte die CDU/CSU zwei Prozentpunkte vor der SPD gesehen und ermittelte zeitweise eine schwarz-gelbe Mehrheit. „Es ist nicht zu bestreiten, dass andere besser gerechnet haben“, gestand ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann am Montag ein. Das sei jedoch kein Grund, mit dem Institut zu brechen, mit dem man jahrelang erfolgreich zusammengearbeitet habe. Eine gemeinsame Fehleranalyse wurde angekündigt.

Prognose hin, Hochrechnung her: Die politische Information bleibt die eindeutige Domäne von ARD und ZDF, selbst wenn RTL, Sat 1, N 24 und n-tv mit den Hochrechnungen des Umfrageinstituts Forsa, noch vor ZDF und Forschungsgruppe Wahlen, am besten lagen. Das vorläufige amtliche Endergebnis wurde von Forsa vorweggenommen, indem deren Hochrechnungen ohne Ausnahme eine rot-grüne Mehrheit meldeten. Den Wahlquoten des meisteingeschalteten Privatsenders, RTL nämlich, half das nur bedingt; das Kontrastprogramm, der Spielfilm „Dr. Dolittle“, lief weitaus besser.

Wie sehr die Zuschauer auf den Wahlausgang fixiert waren, zeigt ihr Verhalten beim Spitzenreiter ARD. Als das Erste sich aus dem Wahlkrimi in Richtung „Lindenstraße“ verabschiedete, verabschiedete sich das Publikum vom Ersten und wechselte in Scharen zum ZDF. Für das Zweite wiederholte sich trotz allem ein misslicher Effekt des TV-Duells. Von der „Berliner Runde“, die ARD und ZDF parallel ausstrahlten, profitierte das Erste zu Lasten des Zweiten. Gute Quote für die ARD, schwache Quote für das ZDF.

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