Schlager-Grandprix : Wer sonst?

Stefan Raab soll mit neuem Vorentscheid den „Eurovision Song Contest“ für Deutschland retten. Dem Moderator geht es aber auch um etwas anderes: ein bisschen Spaß haben.

Thomas Gehringer
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Nationale Aufgabe. Stefan Raab, die ARD und ProSieben kooperieren. -Foto: ddp

Der Herkules, der sich der „nationalen Aufgabe von historischer Tragweite“ widmen will, klingt ziemlich bescheiden. „Es geht nicht in erster Linie darum, diesen Wettbewerb zu gewinnen. Es geht darum, ein bisschen Spaß zu haben.“ Mit Stefan Raab soll endlich alles besser werden beim „Eurovision Song Contest“ (ESC), der zuletzt leider weder Spaß bereitete noch deutschen Teilnehmern nennenswerten Erfolg bescherte. Die ungewöhnliche Allianz zwischen dem federführenden NDR, Raabs Haussender ProSieben und den ARD-Popwellen im Hörfunk soll nun die Wende bringen. Ziel ist ein Platz unter den besten zehn und vor allem eine „Emotionalisierung des Publikums“, sagte Raab am Donnerstag in Köln, wo die Beteiligten ihr Konzept vorstellten. Und weil diese Form der privat-öffentlich-rechtlichen Wiedervereinigung eigentlich nur mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vergleichbar sei, sagte Raab, übertrugen Phoenix und N 24 das gewaltige Ereignis live. Die große Koalition hat zumindest schon mal die PR-Leute beider Systeme beflügelt.

Ganz ironiefrei behauptete NDR-Intendant Lutz Marmor, der einstige Schlager-Grand-Prix sei „immer noch in den Herzen aller Menschen verankert“. Nüchterner betrachtet, ist der ESC laut ProSieben-Chef Andreas Bartl zumindest „die populärste TV-Musikshow“. Zuletzt schalteten knapp 35 Prozent der 14- bis 49-jährigen Fernsehzuschauer das Erste ein. Eine Quote, von der der Privatsender – und die ARD sowieso – sonst nur träumen können. Nimmt man die 15 Millionen Hörer der neun ARD-Popwellen, darunter SWR3, EinsLive und Radio Fritz, hinzu, kommt ein beträchtliches Potenzial zusammen. Eine „Win-win-winSituation“ nannte das Bartl.

Und die wollen die Beteiligten möglichst auskosten. Das bisweilen undurchsichtige Auswahlverfahren wird durch eine Casting-Show ersetzt, die von Brainpool in Köln produziert wird. In acht Folgen wird nun im Februar und März 2010 „Unser Star für Oslo 2010“ gesucht. Sechs davon strahlt ProSieben aus, das Viertelfinale und das Finale laufen im Ersten. Allerdings sind keine bereits etablierten Künstler gefragt, sondern musikalische Talente ab 18 Jahren, die sich ab sofort bewerben können (www.eurovision.de). Raab will eine „kleine Nationalmannschaft im Singen“ nach Oslo schicken, jemanden, „der Deutschland würdig vertritt“.

Eine von Stefan Raab geleitete Jury sucht die 20 Kandidaten für die Casting-Show aus. Über das Weiterkommen in den einzelnen Sendungen entscheidet dann das Fernsehpublikum. Auch der Song, mit dem „Unser Star“ in Oslo an den Start gehen wird, soll von den Zuschauern ausgewählt werden. Wer die Lieder schreibt, ist noch unklar. Gespräche mit Plattenfirmen laufen, doch möglich ist auch, dass ein Kandidat mit einem eigenen Werk überzeugt. Oder dass Stefan Raab selbst als Komponist aktiv wird. „Kommt darauf an, ob mir etwas einfällt“, erklärte der 42-Jährige. Damit er sich nicht selbst Konkurrenz macht, wird sein „Bundesvision Song Contest“ vom Frühjahr auf den Herbst verschoben.

Der Kölner ist als „TV total“-Moderator nicht immer ein Quell der Freude, aber als Produzent und Förderer von Musikern wie Max Mutzke (Platz acht beim ESC 2004) und Stefanie Heintzmann hat er schon oft ein gutes Gespür bewiesen. Für seine DSDS-Parodie „SSDSGPS“ gab’s den Grimme-Preis, und auch den ESC mischte Raab mit schrägem Witz bereits mehrfach auf. Als Produzent von Guildo Horn landete er 1998 auf Platz sieben, und im Jahr 2000 schaffte er es als Sänger sogar auf Platz fünf.

Die Zeit für solch anarchischen Unsinn ist nun allerdings vorbei. Jetzt hat Raab gewissermaßen einen nationalen Auftrag. Thomas Gehringer

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